Christus führt meine Hand. Zeugnis eines Neurochirurgen

Dr. András Csókay

Meine Arbeit im Seziersaal beginne ich immer mit einem Gebet. Ich bete für das Seelenheil der Verstorbenen und danke ihnen, dass sie mir helfen, ein besserer Chirurg zu werden.

In der Chirurgie ist es sehr wichtig, über viel operative Erfahrung zu verfügen. Sie ersetzt jedoch nicht die regelmäßige Arbeit im Seziersaal. Heute vergessen dies die Ärzte oft. Das ist ein großer Fehler, denn neue Verfahren können nicht am lebenden Patienten entwickelt werden. Verschiedene Workshops, die alle sechs Monate stattfinden, reichen nicht aus, um den Ärzten ausreichende Fachkenntnisse in der Mikrochirurgie zu vermitteln. Die sogenannten Leichenübungen, die wir regelmäßig jede Woche durchführen, geben uns dagegen die nötige Selbstsicherheit bei der Ausübung unseres Berufes.

Ich habe festgestellt, dass Ärzte ungern in den Seziersaal kommen. Sie haben Angst vor dem Tod und dem Anblick von Leichen. Aber warum? Vielleicht, weil im Seziersaal das Leiden, die Sterblichkeit und die Angst vor dem Tod greifbar sind. Die moderne Welt mag vielleicht Christus wollen, aber sie will weder den Tod noch das Leiden noch das Kreuz. Die Auferstehung ist jedoch ohne den Karfreitag nicht möglich. Es gibt keinen Glauben an Christus ohne das Kreuz und ohne Leiden. Der ’Superstar‘ Jesus, den die Konsumgesellschaft geschaffen hat, ist eben nicht der Jesus, der zu uns gekommen ist und uns erlöst hat.

Wir sollen das Leiden nicht lieben. Aber wir müssen uns dem Leiden stellen, das uns bedrängt, wir können nicht davor weglaufen. Wir müssen versuchen, es zu lindern – das ist die Aufgabe der medizinischen Wissenschaft.

Das Problem Europas ist jedoch, dass es den Glauben verloren hat und versucht, dem Leiden zu entkommen, selbst um den Preis von Selbstmord, Abtreibung oder Euthanasie. Es fällt den Menschen schwer zu akzeptieren, dass nach dem Tod unser verwesender Körper, den wir unseren Eltern verdanken, bis zum Tag der Auferstehung auf der Erde bleibt. Unsere Identität als menschliche Wesen wird uns jedoch von Gott im Moment der Empfängnis gegeben und geht niemals verloren. Das habe ich in den Sektionssälen in den letzten Jahren verstanden. Ich mochte es nicht, dorthin zu gehen – mein anfänglicher Enthusiasmus verflog nach den ersten Wochen. Alles wurde leichter, als ich bewusst in den toten menschlichen Körpern den Leib Jesu Christi erkannte, der vom Kreuz abgenommen und am dritten Tag auferstanden ist.

Jesus Christus gibt mir die Kraft, die schwierige und schmerzhafte Arbeit im Seziersaal zu verrichten. Ich beginne meine Arbeit im Seziersaal immer mit einem Gebet. Ich bete für das Seelenheil der Verstorbenen und danke ihnen, dass sie mir helfen, ein besserer Chirurg zu werden. Ich tue dies ganz bewusst, es ist keine Frage der Emotion. Ich bin davon überzeugt, dass der Glaube und das entschlossene Gebet (wenn man z. B. ein Gebet spricht, auch wenn man keine Lust dazu hat) dem Herrn wohlgefällig sind. Es ist leicht, mit Liebe angenehme Dinge zu tun, aber sie bereichern uns als Menschen nicht.

Der Erlöser hätte vom Kreuz steigen und alle, einschließlich der Pharisäer und römischen Soldaten, besiegen können, aber er tat es nicht. Sein Ziel war es nicht, diese Menschen zu besiegen, sondern den Tod und die Angst vor dem Tod, die der Böse in uns erzeugt. Die toten Körper, die wir im Seziersaal sehen, können unsere Angst vor dem Tod verstärken. Doch Christus ist bei uns und hilft uns, unsere Angst zu überwinden. So können unsere Gedanken frei fließen und neue chirurgische Techniken und neue Ideen können entstehen. Das Leiden hat in der Wissenschaft eine schöpferische Kraft.

„Wir sind nicht besser als andere Menschen“

„Die Toten helfen den Lebenden“, so die Meinung des bekannten Wissenschaftlers und Pathologen Prof. György Romhányi. Dank der Verstorbenen gewinnen wir nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern erkennen auch, dass „wir nicht besser sind als andere Menschen“ (Carlo Carretto). Dies ist die wichtigste Lektion, die ich im Seziersaal gelernt habe.

Carlo Carretto schrieb in seinem Buch „Briefe aus der Wüste“ über die Läuterung der Liebe. Ihm zufolge ist es offensichtlich, dass wir zur Liebe geboren sind. Was uns jedoch schwer fällt, ist die Entscheidung, wen wir lieben und wie wir lieben sollen. Wir sollten die Schöpfung und den Schöpfer lieben. Aber warum sind diese beiden Lieben in Konflikt geraten? Der Grund liegt in uns selbst, und deshalb müssen wir ihn in uns selbst finden.

Wenn wir die Schöpfung lieben, gerät unser Herz oft aus dem Gleichgewicht. Es „stürzt“ sich auf die Schöpfung, will sie an sich reißen, klammert sich mit einer solchen Heftigkeit an sie, dass es die Harmonie zwischen der Liebe zu Gott und zum Nächsten vergisst. Wie oft wird die Liebe durch große Eifersucht und Selbstsucht zerstört! Wie viele Freundschaften werden auf diese Weise begraben! Und was macht die Liebe zum Geld aus den Menschen! Welch ein Gefängnis für das Herz ist die Liebe zum Reichtum! Auch die Liebe zur Arbeit, die als Tugend dargestellt wird, kann gefährlich werden. Wie viele Workaholics ruinieren ihre Familien und ihre Mitmenschen, während die Gesellschaft sie auf ein Podest stellt! Wie viele Bauern können sich am Sonntag nicht ausruhen, weil ihre Arbeitssucht sie auf die Felder treibt! Wie viele Arbeiter machen sich das Leben zur Hölle, weil sie von der Maschinerie ihrer Aufgaben verschluckt werden! Und je höher wir steigen, desto schlimmer wird es: Die grenzenlose Liebe zur Wissenschaft kann selbstsüchtige Ungeheuer schaffen. Die Leidenschaft für die Forschung macht Wissenschaftler manchmal verrückt und blind. Ebenso führt die Liebe zur Macht dazu, dass Politiker dem Wahnsinn verfallen, dem Millionen zum Opfer fallen.

Andererseits ist die Liebe zu Gott von Natur aus universal, rein, harmonisch und heilig. Leider haben wir die Fähigkeit, selbst dies zu verderben. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Liebe zu Gott selbstlos ist. Ich beziehe mich auf den Egoismus „guter“ Menschen, die durch spirituelle Übungen und Opfer jenen Zustand erreicht haben, in dem sie mit Stolz verkünden: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin“ (Lk 18,11).

In der Tat erlauben wir uns in bestimmten Phasen unseres Lebens zu glauben, dass wir besser sind als andere. Dies ist jedoch die größte Lüge von allen, denn sie entspringt der gefährlichsten Art von Egoismus, nämlich dem Egoismus der Seele. Wir können an einen Punkt gelangen, an dem alles vom Egoismus angetrieben wird: Wir werden aus Egoismus religiös, wir helfen anderen aus Egoismus oder wir bereuen Sünden aus Egoismus.

Es gibt nur einen Weg, der uns die Augen öffnen kann – es ist der Weg des Schmerzes und des Leidens. In diesem Zustand ist die Seele fähig, selbstlos zu lieben. Denn sie duldet keine andere Art von Liebe, sie erträgt keine Sentimentalität oder Dinge, die aus selbstsüchtigen Gründen geliebt werden. Sie betritt die Welt der Liebe Christi.

Glaube und Vernunft in der Arbeit des Neurochirurgen

Wenn man etwas Neues erfindet und es in die Praxis umsetzen will, wird man von vielen Menschen angegriffen. Die Frage ist, wie man mit einer solchen Situation umgeht: den Feind lieben, wie Jesus Christus es tat, oder sich beleidigt fühlen, wie es die Menschen normalerweise tun? Im Jahr 2005 begann ich, mich wegen vieler beruflicher Konflikte beleidigt und wütend zu fühlen. Schmollen und Zorn überwältigen einen Menschen, fesseln seine Hände und Füße, lähmen seinen Verstand und bringen das Gebet zum Erlöschen. Es spielt keine Rolle, ob der Zorn berechtigt ist oder nicht – ein Christ kann keine Zeit haben, zu schmollen und Angriffe abzuwehren. Ich selbst bin leider diesen Emotionen erlegen. Zwei schöne Gedanken von Menschen, die für mich ein Vorbild sind, haben mir dann sehr geholfen: „Wenn du Menschen verurteilst, hast du keine Zeit, sie zu lieben“ (Heilige Mutter Teresa) und „Du kannst niemanden zwingen, ein besserer Mensch zu werden, du kannst ihn nur lieben, damit er einer wird“ (Pater Csaba Böjte OFM).

Ist es möglich, dass ich diejenigen, die mich verletzt haben, dazu zwingen will, bessere Menschen zu werden? Mir wurde klar, dass ich das tat – und dass ich auch andere verurteilte. Ich habe dann bewusst angefangen, drei Rosenkränze am Tag zu beten. Es war schwierig, aber es hat funktioniert. Ich begann, mich zu reinigen. Die Fesseln, die meine Gedanken banden, begannen sich zu lockern und fielen schließlich ganz ab. Ich fühlte mich wieder inspiriert. Meine neu gewonnene Freiheit brachte mich auf neue Ideen, auch wissenschaftliche.

Die Neurochirurgie ist ein seltsamer Beruf, in dem schwere Komplikationen für den Patienten meist Lähmung oder Tod bedeuten. Chirurgen sprechen nicht gern darüber. Ich war an vielen Orten, auch im Ausland, und habe die berühmtesten Neurochirurgen bei ihren Operationen beobachtet. Ich habe überall Komplikationen gesehen. In unserem Beruf muss alles immer präziser gemacht werden. Aber wie können menschliche Hände die Präzision eines Roboters von 0,1 mm erreichen?

Als ich im August 2005 von einem Treffen christlicher Ärzte in einer abgelegenen Ecke des Landes nach Hause kam und den Rosenkranz betete, kam mir eine Idee, wie die Präzision bei neurochirurgischen Eingriffen verbessert werden könnte: Anstelle der Handkante sollten sich die Chirurgen auf die Fingerspitzen der Hand stützen, die das Werkzeug hält. Auf diese Weise können die Hand- und Fingergelenke, die das physiologische Zittern auf die Instrumentenspitze übertragen, ausgeschaltet werden. Der physiologische Handtremor wird durch Herzschläge, aber auch durch neurogene Faktoren wie Müdigkeit oder Stress verursacht.

Wie lässt sich diese Innovation visuell darstellen? Zusammen mit dem befreundeten Maler Balázs Sándor Muhari-Pappa haben wir gebetet, gefastet und Illustrationen gefertigt. Das ging über Monate hinweg. Das Ergebnis war phänomenal. Mit einem Zittermessgerät konnten wir den Unterschied, d. h. die Verringerung des Zitterns, mit einer Genauigkeit von 0,1 mm messen! Unser erster Artikel wurde von der Redaktion der Surgical Neurology in acht Tagen angenommen, der zweite in drei Tagen! Ich denke, das ist ein Weltrekord. Ein Artikel aus einer kleinen, unbekannten neurochirurgischen Abteilung in Szombathely, Ungarn, wurde nur drei Tage nach dem ersten Lesen in einer großen internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift mit weltweiter Reichweite veröffentlicht! Das ist unglaublich! Nun, mit Gottes Hilfe ist alles möglich.

Wir nannten die kleine Brücke, die immer über dem Operationspunkt angebracht werden muss, die ’Bethlehem-Brücke’, weil uns die Ideen kamen, als wir an die Geburt Jesu in Bethlehem dachten und den Rosenkranz beteten. Der Rosenkranz hat große Macht in der Wissenschaft. Wissenschaftler hören das oft nicht gerne, obwohl Albert Einstein selbst bemerkte, dass „Wissenschaft ohne Religion lahm ist“.

Mit dieser Entdeckung hat sich die chirurgische Präzision erheblich verbessert. Die bedeutendste Verbesserung ist in der zerebrovaskulären Chirurgie [den Blutfluss im Gehirn stabilisieren – Anm. d. Red.] zu verzeichnen. Dank der fingerkuppengestützten Technik ist es nun möglich, dünne Blutgefäße zu revaskularisieren [öffnen – Anm. d. Red.], was den Hirnmikrochirurgen früher nicht möglich war. Die Methode ist auch für die Makrochirurgie von Blutgefäßen hilfreich. Die Fingerunterstützung kann auch die chirurgische Präzision in anderen Bereichen der Mikrochirurgie verbessern, z. B. in der Augen-, Ohren-, Plastik-, Hand- und – möglicherweise – Herzchirurgie.

Die Wissenschaft erkennt und erlernt die Realität. Sie erschafft sie nicht. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass alle wissenschaftlichen Wahrheiten bereits existierten, bevor sie entdeckt wurden. Alles, was wir tun können, ist, die von Gott geschaffenen Naturgesetze zu erkennen. Deshalb können Wissenschaft und christlicher Glaube einander nicht widersprechen. Beide bemühen sich um die Entdeckung der Wahrheit, aber sie tun dies mit unterschiedlichen Mitteln und auf unterschiedlichen Wegen der Erkenntnis. So beschrieb der heilige Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio die uralte Freundschaft zwischen Glaube und Wissenschaft so, als seien Glaube und Vernunft wie die beiden Flügel eines Vogels. Der Mensch braucht sie beide, so wie ein Vogel beide Flügel braucht, um zu fliegen.

Dr. András Csókay  

Das Zeugnis von Dr. András Csókay über die Entdeckung weiterer innovativer Methoden haben wir in der Ausgabe 4/2024 von „Bleibt in Liebe“ veröffentlicht