Die wahren Bedürfnisse eines Kleinkindes

Der kleine Mensch – das Kind – ist für Eltern und Erzieher immer noch ein Rätsel, vor allem in der geistigen Dimension.

Indem Gott die Welt und den mit Sinnen und Verstand ausgestatteten Menschen schuf, ermöglichte er das Studium und die Entdeckung der Naturgesetze, die Entwicklung von Physik, Chemie, Biologie, Astronomie usw. Darüber hinaus bleibt das menschliche Gehirn immer noch ein Rätsel, obwohl wir heute mehr darüber wissen als noch vor 100 Jahren. Gleiches gilt für die Psyche und die Spiritualität. Der Mensch ist ein unerforschter Mikrokosmos, und der kleine Mensch – das Kind – ist für Eltern und Erzieher immer noch ein Rätsel, vor allem in der geistigen Dimension.

Versuchen wir, die Welt aus der Perspektive des Kindes zu sehen, mit seinem Herzen und seinen Augen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber mit etwas Erfahrung und weiser Liebe zum Kind ist es möglich. Es gibt ein Sprichwort: „Alles Wichtige im Leben habe ich im Kindergarten gelernt“. Dieser Satz bezieht sich auf eine bestimmte Phase im Leben eines Menschen, nicht auf die eine oder andere Bildungseinrichtung. Das Vorschulalter wird oft unterschätzt. Nur wenige Menschen wissen, dass in dieser Zeit die wichtigsten Einstellungen und Gewohnheiten eines Kindes geprägt werden. Wenige wissen auch, dass Erziehung das Vermitteln grundlegender Seelenhaltungen ist. Je jünger das Kind ist, desto wichtiger ist das, was die Erwachsenen tun, als das was sie sagen. Im Laufe der Zeit ändert sich die Gewichtung, aber das Prinzip bleibt immer gleich: Worte lehren und Beispiele werden nachgeahmt.

Ein Vorschulkind braucht kein Übermaß an Eindrücken, keine langen Belehrungen, keine Auslandsreisen, keine nervösen Eltern, die „keine Zeit“ haben, kein teures Spielzeug, kein Internet und keine vielen zusätzlichen Aktivitäten. Was ist für es stattdessen wichtig? Normalität! Das heißt, die gegenseitige Liebe zwischen Mama und Papa, die ihre Quelle in Jesus Christus hat, der wirklich im Sakrament der Ehe gegenwärtig ist. Diese Liebe wird im täglichen Gebet, in den Sakramenten der Buße und der Eucharistie empfangen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Eltern darauf achten, immer in einem Zustand der heiligmachenden Gnade zu sein.

Ein gesunder, normaler Blick auf die Welt und das Kind bedeutet, aus göttlicher, übernatürlicher Perspektive zu sehen. Darin liegt auch die Weisheit der Erziehung. Es ist verständlich, dass Eltern die biologischen und psychologischen Grundbedürfnisse ihres Kindes so gut wie möglich befriedigen wollen. Das wichtigste Bedürfnis des Kindes (auch wenn es für das Kind schwer zu artikulieren ist) darf jedoch nicht vergessen werden: Liebe, Nähe, die Sehnsucht nach Gott und der geistigen Welt.

Ein Kind ist ein Wunder. Wir gewöhnen uns am schnellsten an die offensichtlichen Dinge. Es lohnt sich jedoch, das Kind auf eine tiefere, ernsthafte Weise zu betrachten und das Potenzial zu erkennen, das in ihm steckt und darauf wartet, entdeckt zu werden. Die Spiritualität des Kindes ist bereits vorhanden. Es hat den Glaubensschatz bei der Taufe erhalten, der nur noch entwickelt und gepflegt werden muss, wie eine Pflanze im Topf. Denn die Sehnsucht eines Kindes nach einem Märchen ist in Wirklichkeit eine Sehnsucht nach einer übernatürlichen, geistigen, unsichtbaren Welt. Der Phantasie eines Kindes sind keine Grenzen gesetzt, und das „geistige Gedächtnis“ aus vorgeburtlicher und früherer Zeit ist umso frischer, je kleiner das Kind ist. Die Rolle der Eltern besteht einzig und allein darin, es zu pflegen, indem sie die richtigen Anreize geben und den Glauben vorleben.

Wenn wir ein Kleinkind oberflächlich betrachten, sehen wir seine ungeschickten Bewegungen, das Verschütten von Suppe, das ständige Fragen, die große Anhänglichkeit an die Eltern, die Egozentrik in der Entwicklung, den ständigen Wunsch zu spielen (eine normale und grundlegende Form der Aktivität, ohne die sich ein Kind nicht richtig entwickeln kann). Aber sehen wir auch, was sich unter dieser Oberfläche abspielt? Vieles lässt sich an den Augen und Gesten des Kindes ablesen. Es gibt für alles einen Grund. Wenn ein Kind zum Beispiel weint, drückt es damit ein Bedürfnis aus, denn seine Emotionalität ist gerade erst im Entstehen. Weinen ist nicht schlecht. Weinen ist ein Signal. Meistens ist es kein Zeichen für böswilliges Erzwingen von etwas, sondern ein Symptom für Hilflosigkeit, für das Gefühl, unverstanden zu sein. Babys weinen, wenn sie müde sind, wenn sie Durst haben, wenn sie hungrig sind – das sind biologische Bedürfnisse; sie weinen, wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Mutter brauchen, wenn sie Ängste empfinden und sie nicht benennen können – das sind psychische Bedürfnisse; sie weinen, wenn sie nachts Albträume haben, wenn sie Ängste empfinden, wenn sie etwas falsch gemacht haben und mit ihrer Schuld nicht fertig werden, wenn sie unbewusst das Bewusstsein brauchen, dass jemand immer bei ihnen ist – das sind geistigen Bedürfnisse.

Ein Kind muss die Welt erklärt bekommen und gleichzeitig lernen, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Wie oft verliert der Erwachsene den einfachen, normalen und klaren Blick. Die Reinheit des kindlichen Herzens, seine Unschuld, seine bedingungslose Liebe und sein Vertrauen in die Eltern sind manchmal wie ein Vorwurf an uns Erwachsene, denn das ist es, was unsere Haltung gegenüber Gott sein sollte. Wir brauchen das Herz des Kindes und das Kind braucht das unsere. Ein Herz und eine wahre Liebe für ein Kind zu haben, bedeutet, mit ihm im täglichen Leben im Glauben zu leben, ihm durch das tägliche Gebet die Nähe und Liebe Gottes, Marias, des Schutzengels und der Heiligen bewusst zu machen.

Beata Nadolna