Glaube, Vernunft und Wahrheit (Teil 2)

Johannes Paul II.

Der heilige Johannes Paul II. wies bei einem Treffen in Toruń mit Vertretern der polnischen Wissenschaft auf die grundlegende Ursache des heutigen Chaos und der Verlorenheit hin: „In der Kluft zwischen Vernunft und Glauben zeigt sich eines der großen Dramen des Menschen“.

Die fatale Zerrissenheit

Der heilige Johannes Paul II. erklärte am 4. Juni 1997 in Częstochowa vor dem Klerus ganz unverblümt: „Wir leben in einer Zeit des geistigen Chaos, der Verlorenheit und Verwirrung, in der verschiedene liberale und säkulare Tendenzen auf dem Vormarsch sind, Gott oft offen aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wird, der Glaube auf eine rein private Sphäre reduziert werden soll und in das moralische Handeln der Menschen schleicht sich ein schädlicher Relativismus ein. Religiöse Gleichgültigkeit breitet sich aus“.

Zwei Jahre später, während seiner nächsten Pilgerreise in sein Heimatland, wies Johannes Paul II. bei einem Treffen in Toruń mit Vertretern der polnischen Wissenschaft auf die grundlegende Ursache für das heutige Chaos und die Verwirrung hin: „In der Kluft zwischen Vernunft und Glauben kommt eines der großen Dramen des Menschen zum Ausdruck. Sie hat viele Ursachen. Besonders seit der Zeit der Aufklärung führte ein übertriebener und einseitiger Rationalismus zu einer Radikalisierung in den Naturwissenschaften und in der Philosophie. Die daraus resultierende Spaltung zwischen Glaube und Vernunft hat nicht nur der Religion, sondern auch der Kultur irreparablen Schaden zugefügt.“

Der heilige Johannes Paul II. kam in seinem letzten Buch Erinnerung und Identität (2005) auf dieses Thema zurück, als er erklärte: „Die Ablehnung Christi und insbesondere seines österlichen Geheimnisses – Kreuz und Auferstehung – zeichnete sich am Horizont des europäischen Denkens an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ab. Es war die Zeit der Aufklärung […]. In welcher Form sie auch immer auftrat, die Aufklärung wandte sich gegen das, was Europa durch die Evangelisierung geworden war“.

Das Denken der Aufklärung war grundsätzlich antichristlich, weil es der Offenbarung feindlich gegenüberstand, und vertrat die Ansicht, dass der rationale Mensch nicht gläubig sein könne. Eine andere revolutionäre Umwälzung zwei Jahrhunderte zuvor, die protestantische Reformation, vertrat die Ansicht, dass ein gläubiger Mensch sich nicht auf die Vernunft berufen sollte. In seinen Schriften bezeichnete Martin Luther die Vernunft wiederholt als „Hure“ (im Original gab es ein anderes, vulgäreres Wort) und war der Ansicht, dass die Adaption der Philosophie des heidnischen Philosophen Aristoteles durch den heiligen Thomas von Aquin für die katholische Theologie einer der Beweise dafür sei, dass „die römische Kirche zur Dienerin des Antichristen geworden ist“.

In seiner großartigen Enzyklika Fides et ratio (1998) betonte Johannes Paul II., dass diese Entkopplung von Glaube und Vernunft, die in der europäischen Kultur seit der Neuzeit besteht, eine unheilvolle Konsequenz hat, die „Versuchung […] eine demiurgische Macht über die Natur und über den Menschen selbst“ (FR 46) zu erlangen. Dieser Versuchung nachzugeben, führte – wie Johannes Paul II. lehrte – direkt zum Nihilismus: „Seine Anhänger stellen Theorien darüber auf, daß die Suche in sich selbst ihr Ende hat, ohne irgendeine Hoffnung oder Möglichkeit, das Ziel der Wahrheit je zu erreichen. Nach nihilistischer Auslegung ist das Dasein nur eine Gelegenheit für Eindrücke und Erfahrungen, in denen das Flüchtige den Vorrang hat. Der Nihilismus steht am Anfang jener verbreiteten Geisteshaltung, wonach man keine endgültige Verpflichtung mehr übernehmen muß, weil ohnehin alles vergänglich und vorläufig ist.“ (FR 46).

Ein solcher Nihilismus auf philosophischer und anthropologischer Ebene führte und führt zu verschiedenen Formen des Relativismus. Der heilige Johannes Paul II. prangert in Fides et ratio unter anderem den „Historismus“ als „Form des Modernismus“ an, der verkündet, dass „was in einer Epoche wahr gewesen ist, braucht es in einer anderen Zeit nicht mehr zu sein“, und der somit fälschlicherweise „Aktualität mit Wahrheit“ gleichsetzt (FR 87).

Die Krise der Wahrheit

In seiner Rede vom 15. Mai 1982 in einer der ältesten Universitäten Europas, der portugiesischen Stadt Coimbra, verwies Johannes Paul II. darauf, dass die „moderne Kultur“ ihren Status als „belebendes und einigendes Prinzip der Gesellschaft“ verloren habe, und erklärte gleichzeitig, dass „dieser Verlust an lebenswichtiger Kraft und Einfluss seinen Ursprung in einer Krise der Wahrheit zu haben scheint. Der Sinn für Wahrheit ist in jeder Hinsicht ernsthaft erschüttert worden. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es sich letztlich um eine metaphysische Krise handelt“.

Der Frontalangriff auf die Wahrheit, der in der modernen Welt stattfindet, ist vor allem der zur Tugend erhobene Relativismus. In der Enzyklika Fides et ratio heißt es: „Die legitime Pluralität von Denkpositionen ist einem indifferenten Pluralismus gewichen, der auf der Annahme fußt, alle Denkpositionen seien gleichwertig: Das ist eines der verbreitetsten Symptome für das Mißtrauen gegenüber der Wahrheit, das man in der heutigen Welt feststellen kann […] In diesem Horizont ist alles auf Meinung reduziert“ (FR 5).

Der heilige Johannes Paul II. hat festgestellt, dass die grundlegende Berufung des Menschen, die als „das Streben nach einer Wahrheit, die über ihn selbst hinausgeht“ (vgl. FR 5) definiert wird, auch innerhalb der Kirche selbst negiert wird. In unserer Zeit hört man oft, sogar aus dem Munde prominenter (in der Hierarchie hochgestellter) Kirchenleute, dass es eine „Wahrheit der Lehre“ und eine „pastorale Wahrheit“ gibt, dass die erstere als „streng“ für den gewöhnlichen Katholiken unzugänglich ist und man deshalb aus „pastoralen Gründen“ ein Auge vor der Sünde zudrücken sollte (z.B. Leben in einer nicht-sakramentalen Beziehung) und den Zugang zu den Sakramenten (der Eucharistie) aus angeblich höheren Gründen (Zusammenhalt der Familie, Wohlbefinden der Kinder, denen es unangenehm sein könnte, dass ihre Eltern nicht zur Kommunion gehen…, usw.).

Bereits vor 30 Jahren wurde ein solcher Ansatz vom heiligen Johannes Paul II. entschieden abgelehnt, der in seiner großen Enzyklika Veritatis splendor (1993) das Konzept des „doppelten Status der moralischen Wahrheit“ als unvereinbar mit der Lehre brandmarkte. Der Papst definierte dieses Konzept als eine Meinung, die besagt, dass „außer der theoretisch-abstrakten Ebene […] die Ursprünglichkeit einer gewissen konkreteren existentiellen Betrachtungsweise anerkannt werden (müsste) […]. Auf dieser Grundlage maßt man sich an, die Zulässigkeit sogenannter »pastoraler« Lösungen zu begründen, die im Gegensatz zur Lehre des Lehramtes stehen“ (VS 56).

Ein Katholik kann – wie Johannes Paul II. in Veritatis splendor gelehrt hat – die Auffassung nicht teilen, die verkündet, dass der Mensch, aufgrund einer „anfänglichen Option für die Liebe […] sittlich gut bleiben, in der Gnade Gottes verharren und sein Heil erlangen (könnte), auch wenn einige seiner konkreten Verhaltensweisen aus freiem Entschluß und in schwerwiegender Sache zu den von der Kirche wieder vorgelegten Geboten Gottes entschieden und ernsthaft im Gegensatz stünden“ (VS 68).

Bereits 1993 hat der Heilige Vater mit der ganzen Schärfe unserer Zeit auf ein Problem hingewiesen, das viele in der Kirche betrifft. In Veritatis splendor warnte der Papst, dass „eine neue Situation gerade innerhalb der christlichen Gemeinschaft entstanden (ist), die hinsichtlich der sittlichen Lehren der Kirche die Verbreitung vielfältiger Zweifel und Einwände menschlicher und psychologischer, sozialer und kultureller, religiöser und auch im eigentlichen Sinne theologischer Art erfahren hat. Es handelt sich nicht mehr um begrenzte und gelegentliche Einwände, sondern um eine globale und systematische Infragestellung der sittlichen Lehrüberlieferung aufgrund bestimmter anthropologischer und ethischer Auffassungen“ (VS 4).

Der kürzlich verstorbene Professor Stanislaw Grygiel, ein bedeutender polnischer Philosoph, Schüler und Freund des heiligen Johannes Paul II., wies in einem im Jahr 2020 veröffentlichten und von Dr. Maria Zboralska geführten Interview mit dem Titel Leben heißt philosophieren fast 30 Jahre nach dieser päpstlichen Diagnose darauf hin, dass viele Kirchenmänner, „sich den durch Zahlen definierten Demokratien unterwerfend, beginnen, die Theologie durch Soziologie, Statistiken, Psychologie zu ersetzen und schließlich durch Psychiatrie“. Die Worte des Freundes von Johannes Paul II., die er drei Jahre vor seinem Tod äußerte, sind ergreifend: „Ich habe Angst, dass die Menschen das Vertrauen in die Seelsorger verlieren, von denen sich viele vor Christus stellen und versuchen, ihm den Weg zu zeigen, von dem niemand weiß, wohin er führt. […] Sie schaffen Meinungen über Christus und leben nach ihnen, und sie biegen das Evangelium zurecht. Anstatt die Wahrheit zu bezeugen, anstatt sich ihr ohne Rücksicht auf die Konsequenzen anzuvertrauen, betreiben sie eine Politik, die es ihnen ermöglicht, sich ein bequemes Leben in dieser Welt einzurichten.“