Die Heilige Faustina lebte nach dem Willen Gottes und erfüllte ihn in ihrem Leben vollkommen. Auf den Seiten ihres Tagebuchs drückte sie nicht nur ihr grenzenloses Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes aus, sondern auch ihre heroische Unterwerfung, in allem, unter den Willen Gottes.
Einmal hatte die heilige Faustina eine prophetische Vision. Sie sah den für sie vorbereiteten Platz im Himmel: „Als ich einmal sehr innig […] betete, erblickte ich plötzlich meinen Schutzengel, der mich vor den Thron Gottes geleitete. Ich ging […] bis vor den Thron Gottes. Ich sah eine große unnahbare Helligkeit, ich sah meinen vorbestimmten Platz in Gottes Nähe, […]. Der Schutzengel aber sagte zu mir. „Hier ist dein Thron für deine Treue in der Erfüllung des göttlichen Willens“ (Tagebuch 683).
Bevor Helena Kowalska (die spätere Schwester Faustina) in die Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit eintrat, war sie ein einfaches, etwas kränkliches und unscheinbares Mädchen vom Land. Nichts deutete darauf hin, dass Gott ihr eine so wichtige Mission für die Welt anvertrauen würde. Sie wurde als drittes von zehn Kindern in einer armen Bauernfamilie geboren. Sie besuchte die Grundschule nur drei Jahre lang. Ihre Jugend verbrachte sie mit Arbeit auf dem Bauernhof, als Dienstmädchen, Haushälterin und Kinderbetreuerin. Gegen den entschiedenen Widerstand ihrer Eltern folgte sie ihrer Berufung und trat in den Orden ein. Aufgrund ihrer mangelnden Bildung und ihrer finanziellen Verhältnisse (und damit der Möglichkeit, eine größere Mitgift in den Orden einzubringen) konnte sie als Schwester des so genannten dritten Chors nicht mit einer „Karriere“ in den klösterlichen Strukturen rechnen. Im Kloster übernahm sie daher die Aufgaben einer Köchin, Gärtnerin und Pförtnerin. Parallel zu ihren täglichen, weltlichen Pflichten führte Schwester Faustina jedoch ein ungewöhnlich tiefes geistliches Leben. Auf ausdrücklichen Befehl Jesu begann sie, ihre mystischen Erlebnisse aufzuschreiben. Auf diese Weise entstand das berühmte Tagebuch. Indem sie sich ihrem Bräutigam ähnlich machte, nahm Schwester Faustina freiwillige geistige und körperliche Leiden auf sich, um, durch die Verbindung ihres Opfers mit dem Gekreuzigten, am Werk der Erlösung der Welt teilzunehmen. Sie tat dies aus großer Liebe zu Gott, für das Wohl der Seelen der Lebenden, der Sterbenden und der Seelen im Fegefeuer. Ausgezehrt von Tuberkulose der Lunge und des Verdauungstrakts ging sie im Alter von nur 33 Jahren zu ihrem Herrn. In ihrem kurzen Leben erreichte Schwester Faustina die Höhen des geistlichen Lebens. Heute wird sie weltweit als große Heilige der katholischen Kirche, als Apostelin der göttlichen Barmherzigkeit, als Sekretärin des Barmherzigen Jesus, als Prophetin unserer Zeit, als Mystikerin und Meisterin des geistlichen Lebens verehrt, und Gemälde und Reproduktionen mit dem Bild des Barmherzigen Jesus hängen in fast jeder Kirche in den meisten Ländern der Welt.
Beim Lesen des Manuskripts des Tagebuchs springt die Vielzahl grundlegender, auffälliger Rechtschreibfehler ins Auge. Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie es möglich ist, dass eine einfache Nonne, die nicht richtig schreiben konnte, eines der schönsten und erhabensten Perlen der mystischen Literatur hinterlassen hat. Darüber hinaus sind ihre Schriften so tief theologisch durchdrungen, dass es Überlegungen gab, ihre Autorin zur Doktorin der Kirche zu erheben! Das Tagebuch ist auch eines der am häufigsten übersetzten polnischen Bücher weltweit.
Wie konnte Schwester Faustina in so kurzer Zeit die Höhen der Vollkommenheit und Heiligkeit erreichen? Wie ist es möglich, dass Gott diese einfache Nonne für so große Werke auserwählt und ihr die unglaublich wichtige Mission anvertraut hat, die Botschaft der göttlichen Barmherzigkeit zu verbreiten? Gottes wunderbare – so fern von menschlicher – Logik stellt die Großen dieser Welt in den Schatten. Gott wählt aus der Welt das Schwache und Gebrechliche aus, weil er weiß, dass nur ein Mensch, der völlig von ihm abhängt und in grenzenloses Vertrauen zu ihm lebt, in der Lage ist, die volle Kraft seiner Gnade zu empfangen und sie in seinem Heilswerk einzusetzen.
Gott hat Schwester Faustina erwählt, weil er wusste, dass das Leben ihrer Seele darin bestand, den Willen Gottes zu erfüllen. Der Wille Gottes war der wichtigste Wegweiser auf ihrem Weg zur Heiligkeit. Denn die Mystikerin war sich bewusst, dass „die Seele, die den Willen [Gottes – Anm. J. G.] tue, die vollkommenste und heilig sei“ und dass „(Gott) mit einer unbegreiflichen Liebe […] die Seele (umfasst), die nach Seinem Willen lebt“ (Tagebuch 603). Sie schrieb: „Ich habe begriffen, dass alles Streben nach Vollkommenheit und die ganze Heiligkeit in der Ausübung von Gottes Willens besteht. Vollkommenes Erfüllen des göttlichen Willens ist Reife in der Heiligkeit“ (Tagebuch 666).
„Dein Wille geschehe.“
Eine Schlüsselrolle im Leben der Heiligen Faustina spielte die treue und gewissenhafte Erfüllung des Willens Gottes. Die Nonne legte darauf großen Wert, da sie wusste, dass seine Erfüllung die einzige Garantie für ein spirituelles Wachstum auf dem Weg zur Heiligkeit ist, d.h. für eine vollkommene Vereinigung mit dem Herrn. Wie wichtig der göttliche Wille für die Heilige war, zeigt sich unter anderem in ihrem Tagebuch, in dem sie sich mehr als 360 mal auf dieses Thema bezieht. In diesen Beschreibungen beeindruckt die große Liebe von Schwester Faustina zum Willen Gottes. Schon in der Einleitung zum ersten Buch des Tagebuchs schrieb die Mystikerin die bezeichnenden Worte: „Dein heiliger Wille ist das Leben meiner Seele“ (Tagebuch 6). Die Nonne erlebte viele Schwierigkeiten und Leiden, aber letztendlich unterwarf sie ihren Willen immer Gott und wählte das, was dem Vater gefiel. Sie tat es ihrem geliebten Jesus gleich, mit dem sie verbunden war und mit dessen Willen sie ihren Willen vereinte. Auf einer durchgestrichenen Seite des Tagebuchs sehen wir die Inschrift: „Ab heute existiert in mir nicht mein eigener Wille“. Und gleich daneben das Bekenntnis: „Ab heute erfülle ich den Willen Gottes, überall, immer, und in allem“ (Tagebuch 374). An anderer Stelle notiert sie: „Mögen alle meine Neigungen […], immer im letzten Plan sein, und Dein heiliger Wille an erster Stelle. Dein kleinster Wunsch, o Herr, ist mir lieber als der Himmel mit all seinen Schätzen“ (Tagebuch 957); „In diesen Exerzitien gab der Herr mir das Licht tieferer Erkenntnis Seines Willens und der restlosen Hingabe an den heiligen Willen Gottes. Diese Erleuchtung bestärkte meinen liefen Frieden und ich begriff, dass ich außer der Sünde nichts fürchten muss. Alle Zulassung Gottes will ich mit restloser Hingabe an Seinen heiligen Willen annehmen. Ganz gleich, wo Er mich hinstellt, ich will Seinen heiligen Willen und alle seine Wünsche treu erfüllen, […] selbst dann, wenn der Wille Gottes für mich — wie der Wille des Himmlischen Vaters gegenüber Seinem betenden Sohn im Ölgarten schwer und hart wäre. Mir wurde klar, wenn der Wille Gottes sich in dieser Weise in Seinem liebsten Sohn vollzieht, wird er sich auch in uns so vollziehen. Leiden, Verfolgungen, Beschimpfungen, Entehrung — durch das alles wird meine Seele Jesus ähnlich. […] das ist der sicherste Weg. Gäbe es einen besseren Weg, hätte Jesus ihn mir gewiesen“ (Tagebuch 1394).
Gott weiß, was das Beste für uns ist
Wenn wir an Gott glauben und anerkennen, dass er tatsächlich das weiseste aller Wesen ist, dann müssen wir notwendigerweise zugeben, dass nur er am besten weiß, was für uns am besten ist. Wenn wir ihm nicht vertrauen und uns nicht seinem vollkommenen Willen unterwerfen, dann glauben wir nicht wirklich, dass er das weiseste aller Wesen ist. Jeder Mensch, der ausschließlich nach seinem eigenen Willen handelt und sich dem göttlichen Willen verschließt, wird früher oder später Fehler machen, sein Leben komplizieren und sich von Gott und vom Heil entfernen. Nur Gott weiß, was der einfachste und kürzeste Weg für einen Menschen ist, um das Heil zu erlangen. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Weg leicht und ohne Leiden ist. Letztendlich, aus der Ewigkeitsperspektive betrachtet, erweist sich Gottes Wille immer als die beste Lösung für den Menschen, selbst wenn dieser überzeugt ist, dass nur er weiß, was für ihn am besten ist. Ein Mensch, der von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt ist, zwingt Gott oft Lösungen auf, die seinem eigenen Willen entsprechen. Er bittet Gott um Hilfe bei verschiedenen Problemen, aber gleichzeitig schreibt er dem Schöpfer die Art und Weise vor, wie er sie zu lösen hat, und verschließt sich damit de facto seinem Handeln und „bindet ihm die Hände“. Eine solche Haltung des Menschen ist Ausdruck seines Stolzes („Ich weiß es besser als Gott“) oder mangelnden Vertrauens in den Schöpfer. Eine Episode, die Schwester Faustina beschreibt, veranschaulicht dies perfekt: „Eines Tages kam zu mir eine Schwester. Sie bat mich um Gebet und sagte, sie könne den gegenwärtigen Zustand nicht mehr ertragen. »Beten Sie. Schwester.« Ich sagte zu und begann eine Novene zur Göttlichen Barmherzigkeit. Ich erkannte, dass Gott ihr diese Gnade schenken, dass sie aber wieder unzufrieden sein wird, nachdem sie die Gnade erhalten hat. Trotzdem betete ich weiter, ihrer Bitte entsprechend. Am Tag darauf kam diese Schwester wieder zu mir. Als unser Gespräch auf dasselbe Thema kam. sagte ich zu ihr: »Wissen Sie. Schwester, wir sollten Gott im Gebet nicht zwingen, uns das zu geben, was wir wollen; vielmehr sollten wir uns Seinem heiligen Willen hingeben.« Ihr schien es jedoch, dass das, worum sie bittet, unbedingt notwendig sei. Am Ende der Novene kam diese Schwester wieder und sagte: »Ach, Schwester, der Herr gab diese Gnade, doch jetzt denke ich anders darüber. Beten Sie, Schwester, damit das wieder anders wird.« Ich entgegnete: »Ja, ich werde beten, damit sich an Ihnen, Schwester, der Wille Gottes erfüllt und nicht das, was sie selbst wollen…«“ (Tagebuch 1525).
Wie Sr. M. Elżbieta Siepak ZMBM erklärt, bedeutet das Vertrauen bei der heiligen Faustina „eine Haltung des Menschen gegenüber Gott, die die ganze Person einbezieht und in der Erfüllung des Willens Gottes zum Ausdruck kommt, wie er in den Geboten enthalten ist sowie in den Pflichten des Standes oder auch in den erkannten Eingebungen des Heiligen Geistes. Wer das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes erkennt, weiß, dass Sein Wille nur das Wohl des Menschen in der Perspektive der Ewigkeit im Auge hat, deswegen nimmt er ihn als eine Gabe an und erfüllt ihn im Vertrauen“ (Einleitung zum Tagebuch, Krakau, 1990, VI).
Gott lässt den Menschen verschiedene Erfahrungen machen – nicht nur freudige, sondern auch schmerzhafte. Diese Kreuze, Schwierigkeiten und Leiden übersteigen jedoch niemals die Kräfte des Betroffenen, denn Gott lässt sie zu und schenkt auch die entsprechenden Gnaden, um sie zu ertragen. Schwester Faustina schrieb: „Auf ein Wort achte ich, mit ihm rechne ich immerzu, es bedeutet mir alles, mit ihm lebe und sterbe ich, das ist der heilige Wille Gottes. Er ist mir alltägliche Nahrung; meine ganze Seele lauscht auf die Wünsche Gottes. Immer tue ich das was Gott von mir verlangt, obwohl manchmal meine Natur erzittert und ich fühle, dass die Wünsche in ihrer Größe meine Kräfte übersteigen. Ich weiß genau, was ich aus mir selbst bin, aber ebenso weiß ich, was Gottes Gnade ist, die mich stützt.“ (Tagebuch 652).
Das Gebet der Schwester Faustina über die Erfüllung des Willens Gottes
O gekreuzigter Jesus, ich bitte Dich, schenke mir die Gnade, dass ich immer und überall in allem den heiligsten Willen Deines Vaters erfülle. Wenn mir aber der Wille Gottes zu schwer fällt, bitte ich Dich, Jesus, möge mir aus Deinen Wunden Kratt zufließen und meine Lippen sollen wiederholen: „Dein Wille geschehe, Herr.“ — O Erlöser der Welt, Freund der Menschenerlösung, Du vergisst Deiner Selbst und denkst in furchtbarer Leidenspein an die Rettung der Seelen. Barmherzigster Jesus, schenke mir die Gnade der Selbstvergessenheit, damit ich ausschließlich für die Seelen lebe und Dir beim Werk der Erlösung mithelfe, nach dem Heiligsten Willen Deines Vaters…





