„Es gibt nur zwei Wege, den nach Rom und den zum Atheisums“ – St. J.H. Newman

Der heilige Kardinal John Henry Newman ist einer der berühmtesten Konvertiten in der Geschichte der katholischen Kirche. Er war ein intellektuelles und spirituelles Genie und zugleich ein Mann von tiefem, bescheidenem Glauben. Seine philosophischen und theologischen Texte gehören zu den größten Schätzen der Menschheit.

John Henry Newman wurde am 24. Februar 1801 in London geboren. Sein Vater war Bankier und seine Mutter stammte aus einer französischen protestantischen Familie, die nach England ausgewandert war. John Henry war das älteste von sechs Geschwistern (er hatte zwei Brüder und drei Schwestern). Von ihrer Mutter und Großmutter lernten die Kinder eine einfache und vertrauensvolle Beziehung zu Gott.

Glaubenskrise und erste Bekehrung

Hochbegabt, wurde er von seinem Vater im Sinne des liberalen Anglikanismus erzogen. Als John Henry 14 Jahre alt war, fielen ihm Bücher in die Hände, die die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift in Frage stellten, die Kirche verschmähten und die Existenz von Wundern und der Unsterblichkeit der Seele leugneten. Diese antichristlichen Inhalte führten dazu, dass der Teenager nicht mehr an Gott glaubte. Im Herbst 1816 jedoch erlebte der Junge eine radikale Veränderung. Er lernte einen herausragenden anglikanischen Prediger kennen, der ihm gute Bücher zu lesen gab. Dadurch überwand Newman die Glaubenskrise und kam zu der Überzeugung, dass es ein ewiges Leben gibt. Er gewann das Vertrauen in die Existenz eines transzendenten Gottes zurück, der durch das menschliche Gewissen spricht und von dem die Erlösung des Menschen abhängt. Leider gelangte John Henry durch die Lektüre von Büchern antikatholischer protestantischer Autoren auch zu der Überzeugung, der Papst sei der Antichrist und die katholische Kirche eine vom Aberglauben erfüllte, demoralisierte Gesellschaft.

Nach seiner Bekehrung legte der 15-jährige Newman ein privates Zölibatsgelübde ab; er ging häufig zur Heiligen Kommunion, betete täglich, pflegte das Bewusstsein der Gegenwart Gottes in sich, meditierte über Texte der Heiligen Schrift, kontrollierte seine Gefühle und sein Temperament und überwand ständig in sich selbst Stolz, Eitelkeit und sexuelle Versuchungen.

Hass auf die Sünde

Während seiner Jugendzeit erlebte Newman heftige Versuchungen, die er entschlossen bekämpfte. Er schrieb: „Menschen in der Welt, fleischlich und ungläubig, sind überzeugt, dass die Versuchungen, die sie erleben, und die Sünden, denen sie erliegen, zu ihrer Natur gehören – und deshalb nicht ihre Schuld sind; auf diese Weise leugnen sie die Existenz der Sünde, die das größte Unglück jedes Menschen ist. Man kann nicht den Weg des Glaubens zum vollen Glück im Himmel gehen, wenn man am Anfang dieses Weges die Sünde nicht hasst.“ Deshalb betete Newman so: „Du hast uns geschaffen, Gott, um uns glücklich zu machen. Und unser Glück besteht im Gehorsam dir gegenüber.  Aber wir haben das Glück auf unseren eigenen Wegen gesucht – wir haben Dich verlassen. O mein Gott, was für eine Vergeltung geben wir – gebe ich – Dir, wenn wir sündigen! Welch schreckliche Undankbarkeit! Und welche Strafe wird es geben, wenn ich mein Glück ablehne und statt des Himmels die Hölle wähle! Ich weiß, du wirst sagen: »Soll er doch tun, was er will! Er sucht das Verderben und die Verdammnis, soll er sie finden! Er verachtet die Gnaden, die ich ihm gebe, lass sie ihm zum Fluch werden!«. Du, mein Gott, hast ein Anrecht auf mich; ich gehöre ganz Dir. Ich bin nur Dein Eigentum und Dein Werk, und meine einzige Pflicht ist es, Dir zu dienen. Ich bekenne, o mein Gott, dass ich dies oft ganz vergessen habe. Oft habe ich so getan, als ob ich Herr über mich selbst wäre, und ich war Dir gegenüber untreu. Ich habe getan, was mir gefiel, und habe nicht gefragt, ob es Dir gefällt. Die Härte und Gefühllosigkeit meines Herzens ist so groß, dass ich kaum spüre, wie groß dieses Übel ist. Ich begreife nicht, wie schrecklich die Sünde ist – ich hasse und fürchte sie nicht, wie ich es sollte. Sie erfüllt mich weder mit Ekel noch mit Abscheu, ich wende mich nicht mit Empörung vom Bösen ab, weil es dich beleidigt, sondern ich spiele mit ihm, und selbst wenn ich mich vor schweren Sünden hüte, begehe ich lässliche Sünden ohne großen Widerstand. O mein Gott, welch schrecklicher, schrecklicher Unterschied besteht zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich sein sollte!“.

Newman betete darum Sünde zu hassen; er bemühte sich täglich, den Weg zu gehen, der ihn zu den Höhen der reinen Liebe und der Heiligkeit führte.

John Henry gehorchte der Stimme seines Gewissens, die für ihn die Stimme Gottes selbst war. Er schrieb: „So wie wir elementare Kenntnisse über das Universum von unseren Sinnen erhalten, so gibt uns vor allem das Gewissen die ersten Kenntnisse über den Herrn dieses Universums und unseren Gott […] durch wiederholte moralische Fehltritte, in denen das Gewissen so wirkt, dass es uns den Befehl unseres Herrn gewaltsam aufdrängt, erhalten wir immer wieder neue Beweise für die Existenz eines souveränen Herrschers, von dem diese einzelnen Urteile und Befehle stammen, die wir in unserem Bewusstsein erleben.“

Verlangen nach Wahrheit

Newman war kompromisslos in der Suche nach Wahrheit. Er schrieb: „Mit ganzem Herzen begehre ich die Wahrheit und werde sie umarmen, wo immer ich sie finde“. Der junge Mann begann 1817 sein Studium in Oxford. In den ersten vier Jahren studierte er Literatur, Mathematik und Jura, später anglikanische Theologie. Dank seiner herausragenden Fähigkeiten wurde er bereits 1822 zum Professor für Theologie am Oriel College ernannt.  Am 29. Mai 1825, dem Pfingstfest, wurde er in der anglikanischen Kirche zum Priester geweiht. Drei Jahre später starb plötzlich seine geliebte Schwester Mary mit 19 Jahren. Dies war eine der schmerzlichsten Erfahrungen für den jungen Newman. Es machte ihm die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens auf Erden bewusst und zeigte ihm die Perspektive der Ewigkeit. Der Priester verstand, dass weitaus wichtiger als intellektuelle Vollkommenheit die Vollkommenheit im moralischen und geistigen Bereich ist, das heißt, die Heiligkeit.

Im Dezember 1832 begab sich Newman auf eine lange Schiffsreise nach Spanien, Gibraltar, Algerien, Malta und Sizilien sowie nach Neapel und Rom. In die Ewige Stadt kam er am 2. März 1833. Der Anblick der Kirchen in Rom und der Reichtum an Kunst und Architektur überwältigte John Henry. Auf der Rückreise, während eines Zwischenstopps in der atemberaubend schönen Hafenstadt Bonifacio, schrieb Newman das Gedicht The Pillar of the Cloud (Die Säule der Wolke), das zum weithin gesungenen Kirchenlied Lead, kindly Light (Führ, gütges Licht) wurde. In diesem Lied brachte der Autor die Zerbrechlichkeit seiner Existenz und seine völlige Hingabe an einen barmherzigen Gott zum Ausdruck. Diese Erfahrungen brachten Newman dazu, mit ganzem Herzen nach Heiligkeit zu streben. Er schrieb: „Wenn wir Gott nicht lieben, kommt das daher, dass wir nicht danach gestrebt haben, ihn zu lieben; nicht danach gesucht haben, ihn zu lieben; nicht darum gebetet haben, ihn zu lieben. Wir haben diesen Gedanken und dieses Verlangen nicht täglich in unserer Seele getragen, wir hatten Ihn nicht ständig vor Augen bei den kleinen Ereignissen des Alltags. Es geht um das Verlangen, unseren Schöpfer zu kennen und das Herz dazu zu bewegen, Ihm zu dienen, was einem religiösen Bekehrungserlebnis vorausgeht.“

Säule und Stütze der Wahrheit

Einige Tage nach der Rückkehr aus Rom, im Juli 1833, initiierte Newman gemeinsam mit John Keble, Edward Pusey sowie Richard Froude eine Erneuerungsbewegung der anglikanischen Kirche. Dies war die sogenannte Oxford-Bewegung, deren inoffizieller Anführer Newman wurde. Eines der Hauptziele dieser Bewegung war es, die Kirche von der staatlichen Macht unabhängig zu machen und den Liberalismus zu bekämpfen, der die Grundlagen des christlichen Glaubens zerstörte, weil er die Existenz einer objektiven, geoffenbarten Wahrheit in Frage stellte. Die Lehre der anglikanischen Kirche ist im offiziellen Schema der Neununddreißig Artikel festgelegt, die im sechzehnten Jahrhundert, zu Beginn der Regierungszeit von Königin Elisabeth I., herausgegeben wurden. Die Oxford-Bewegung wollte eine Erneuerung des Anglikanismus, seine Rückkehr zu den katholischen Wurzeln. Um das katholische Gesicht der anglikanischen Kirche zu zeigen, veröffentlichte Newman im Februar 1841 in der britischen Zeitung The Times den Tract 90 (Traktat 90), in dem er argumentierte, dass die Neununddreißig Artikel nicht im Widerspruch zur katholischen Lehre stünden.

Nach der Veröffentlichung von Tract 90 kam es zu zahlreichen Übertritten zur katholischen Kirche. Die Behörden der Universität Oxford verurteilten das Traktat scharf und bezeichneten Newman als unehrlichen Mann, der behauptete, die Neununddreißig Artikel könnten mit „römisch-katholischen Irrtümern“ in Einklang gebracht werden. John Henrys Position wurde in Hirtenbriefen des Bischofs von Oxford und anderer anglikanischer Bischöfe scharf verurteilt. Newman wurde zum Ziel einer massiven Verleumdungskampagne in der Presse durch anglikanische Geistliche und universitäre Liberalen.

Entscheidend für Newmans Entdeckung der Wahrheit waren seine Studien der Geschichte der Frühkirche und der Schriften der Kirchenväter. John Henry erkannte, dass es eine große Ähnlichkeit zwischen der Atmosphäre, in der die Häresie des Arianismus in den ersten Jahrhunderten des Christentums entstand, und dem Liberalismus in der anglikanischen Kirche gab. Als er die Wahrheit über die Kirche der ersten Jahrhunderte entdeckte, schrieb Newman: „Ständig drängte sich mir der Gedanke auf, dass es etwas Größeres geben muss als die englische Staatskirche und dass dieses »Etwas Größeres« die in den ersten Jahrhunderten gegründete katholische und apostolische Kirche ist.“

John Henry war sich moralisch sicher, dass sich die anglikanische Kirche im Schisma befand und dass die römisch-katholische Gemeinschaft die Kirche der Apostel ist. Sein Gewissen sagte ihm deutlich, dass sein Platz in der römisch-katholischen Kirche ist und er nur dort gerettet werden kann. Zugleich verspürte der Priester Angst. Doch er überwand sie durch geduldiges Warten, intensives Gebet, Buße und Studium. Jeden Tag widmete er viereinhalb Stunden dem Gebet und neun Stunden dem Studium. In der Fastenzeit übte er strenges Fasten und Enthaltsamkeit. Mittwochs und freitags nahm er bis 18 Uhr keine Nahrung zu sich und las keine Zeitungen. In dieser Zeit erhielt er zahlreiche Briefe von Freunden, die ihn vor den „schrecklichen“ Folgen eines Eintritts in die katholische Kirche warnten.

Newman gab auch seine Lehrtätigkeit an der Universität auf. Er zog sich in die Abgeschiedenheit seiner Pfarrei in Littlemore zurück, um ein mönchsähnliches Leben zu führen. Dort verbrachte er sechs Jahre, in denen er zu seiner endgültigen Entscheidung reifte, in die Gemeinschaft der katholischen Kirche einzutreten. Diese Zeit des geistlichen Kampfes beschrieb er in seinem Buch Apologia pro Vita Sua. Im September 1843 hielt er seine letzte Predigt in der anglikanischen Kirche in Littlemore. Für Newman bedeutete der Austritt aus der Kirche, das akademische Umfeld in Oxford zu verlassen, über das er schrieb „Von allen menschlichen Dingen liegt mir Oxford am meisten am Herzen“. Der Abschied von der Universität war für John Henry eine äußerst schmerzhafte Erfahrung.

Gegen Ende des Jahres 1844 begann Newman mit der Abfassung einer philosophischen Abhandlung über die Theorie der Entwicklung der christlichen Doktrin. Durch das Studium der Lehre der Kirchenväter gelangte er zu der Gewissheit, dass die Kirche der ersten Jahrhunderte nur in der katholischen Kirche in unveränderter Form fortbesteht. Das Glaubensgut Gottes ist nur in der römisch-katholischen Kirche in seiner Gesamtheit erhalten geblieben. Er bekannte: „Durch das Studium der Auseinandersetzungen in der Urkirche ist in mir die klare Überzeugung gereift, dass wir Anglikaner Ketzer sind“.

Newman – der größte anglikanische Theologe – gab eine akademische Karriere und gut bezahlte Stellen als Professor und Pfarrer auf, um Mitglied der katholischen Kirche zu werden, die in England seit der Zeit Heinrichs VIII. unerbittlich verfolgt wurde. Im England des 19. Jahrhunderts wurden die Katholiken wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Newmans Entscheidung, der katholischen Kirche beizutreten, hatte daher sehr schmerzhafte Konsequenzen für ihn: den Verlust der Einkommensquellen, seines Wohnsitzes, seiner Freunde und seines Ansehens.

Am 8. Oktober 1845 warf sich John Henry einem katholischen Priester, dem seligen Pater Dominic Barberi, einem italienischen Passionisten, zu Füßen und bat ihn um Segen, Beichte und Aufnahme in die katholische Kirche. In den Jahren nach diesem Ereignis folgten ihm mehrere hundert herausragende Universitätsprofessoren. Sie gaben ihre akademischen Karrieren auf, ihre Professuren, ihre Pfarrämter… Newmans Konversion war ein großer Schock für England und die Welt. Seinem Beispiel folgten mehrere hundert anglikanische Geistliche und einflussreiche Laien, und nach der Veröffentlichung von Newmans Buch Über die Entwicklung der christlichen Lehre stieg ihre Zahl auf mehrere tausend.

In seinen feurigen Predigten und Schriften betonte Newman, dass die Kirche „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15) ist und dass der Weg zur Erkenntnis Christi über die lebendige katholische Kirche führt, die die Kirche Christi, die Erbin der Kirche der ersten Jahrhunderte ist. John Henry verstand die Kirche als die Gemeinschaft, in der Christus lebt, handelt und lehrt. Er wusste, dass er als Mitglied dieser Gemeinschaft der Kirche sein Gewissen, seine Vernunft und seine Gefühle der Führung und Lehre Christi unterordnen muss. Nicht die Vernunft oder das Gefühl sind die letzte Instanz, sondern die Autorität Christi, der in der Kirche gegenwärtig ist und lehrt.

So erklärte Newman die Wahrheit über die Unfehlbarkeit der Kirche und des Papstes: „Das Evangelium ist die eigentliche Botschaft vom Himmel, die in der Gemeinschaft der katholischen Kirche gehütet und bewahrt wird.“ Diese geoffenbarte Botschaft wurde der Kirche anvertraut und „die Kirche ist unfehlbar in dem, was das ihr anvertraute Evangelium betrifft; denn was versteht man unter Unfehlbarkeit in der Lehre, wenn nicht, dass der Lehrer in seiner Lehre vor Irrtum geschützt ist? […]. Wenn der Papst unfehlbar ist, dann nur deshalb, weil er an der Spitze der Kirche steht, die unfehlbar ist“.

„Seit ich katholisch bin“

„Seit ich katholisch geworden bin“, schrieb Newman, „lebte ich in vollkommenem Frieden und ungetrübter innerer Stille, ohne den geringsten Zweifel zu haben… Ich war nicht eifriger als zuvor; aber es schien mir, als ob ich nach einer stürmischen Reise in einen ruhigen Hafen gekommen wäre und dass das Glück, das ich deshalb empfand, ununterbrochen bis zum heutigen Tag anhält.“

Im Februar 1846 reiste Newman nach Rom. Er trat in das Kolleg „De Propaganda Fide“ ein, um dort seine theologischen Studien zu absolvieren und sich auf die Priesterweihe vorzubereiten.

Nach seiner Weihe schrieb er Folgendes über die Eucharistie: „Nichts erfüllt mich so sehr mit Trost und Freude, spricht so sehr zum Herzen wie die Heilige Messe. Ich könnte ihr immer wieder beiwohnen und würde nicht müde. Sie ist die größte Handlung, die es auf der Welt geben kann. Der Ewige steht auf dem Altar als derjenige, der im Fleisch und Blut war, vor dem Engel sich beugen und Dämonen zittern. Christus hat das unaufhörliche Wunder seines Leibes und Blutes unter sichtbaren Zeichen eingesetzt […]. Und er hat seinen Priestern die Macht gegeben, das zu tun, was Er getan hat. Er hat sich der Hände von Sündern anvertraut. Der schwache, dunkle und unerleuchtete, sündige Mensch zieht, durch die Macht der ihm verliehenen priesterlichen Autorität, den Höchsten auf die Erde herab, verbirgt Ihn in einem engen Tabernakel und verteilt Ihn an das sündige Volk… Es ist klar, meine Brüder, dass wir, wenn wir Gott nur als den Allmächtigen bekennen, nur die Hälfte über Ihn wissen. Wenn wir Ihn vollständig kennen wollen, müssen wir Ihn in der Eucharistie erkennen, als den, der die Namen »Gott mit uns« und »Jesus« (Gott ist das Heil) trägt.“

Pabst Pius IX. ermächtigte Newman in Rom, Oratorien des Heiligen Philip Neri in England zu gründen. Newman wurde zum Oberen der ersten Gründung in Birmingham ernannt. Dort war er ab 1848 tätig, schrieb Artikel und Bücher, leistete Seelsorge unter irischen Arbeitern und gab eine Zeitschrift, The Rambler („Der Wanderer“), für die katholische Intelligenz heraus. John Henrys Ansichten waren seiner Zeit voraus und eine Vorbereitung auf das Erste und Zweite Vatikanische Konzil. Innerhalb kurzer Zeit gründete Newman ein zweites Oratorium in London. Auf Ersuchen des Papstes und des irischen Episkopats organisierte er eine Gruppe angesehener Professoren und eröffnete 1854 die Katholische Universität von Dublin. Er war dort bis 1858 Rektor.

Newman war davon überzeugt, dass für jeden Menschen, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht, die Krönung dieser Suche der Beitritt zur katholischen Kirche sein würde. Er glaubte, dass „es in der wahren Philosophie keinen Mittelweg zwischen Atheismus und Katholizismus gibt, und dass der wirklich konsequente Geist sich für das eine oder das andere entscheiden muss“. Zwischen diesen beiden gegensätzlichen Positionen liegt der Protestantismus. Für Newman gab es eine klare Erkenntnis: „Es gibt nur zwei Wege, den nach Rom und den zum Atheismus. Der Anglikanismus ist eine Zwischenstation auf dem Weg in die eine Richtung und der Liberalismus auf dem Weg in der andere“.

Die Jahre 1864-1874 waren Newmans fruchtbarste Zeit für seine theologischen Veröffentlichungen. Seine zahlreichen Artikel, Bücher und Gedichte wurden in der ganzen Welt bekannt.

In Anerkennung von Newmans Beitrag zur Entwicklung des theologischen Denkens, ernannte ihn Papst Leo XIII. 1879 zum Kardinal der katholischen Kirche. Priester Newman setzte das Motto „Cor ad cor loquitur“ – „Herz spricht zu Herz“ – auf sein Kardinalswappen.

Wenn Kardinal John Henry predigte, besaß er die übernatürliche Gabe, die Herzen der Menschen zu Gott zu erheben. Er war ein Genie von seltener Eloquenz und Frömmigkeit, und sein Hauptanliegen war es, die Menschen zu einem lebendigen Glauben und Gehorsam gegenüber Gott zu erwecken. Denjenigen, die nach der Wahrheit suchen, riet Newman: „Ihr müsst in euch selbst eine Haltung entwickeln, dass ihr bereit seid, euch ganz in die Hände Gottes zu begeben, der euch in vollkommenen Gehorsam führen wird.“

Der Kardinal warnte reuige Sünder vor Ungeduld, sich nicht zu viele Gebete und Bußen aufzuerlegen. Er riet ihnen, mit kleinen Demütigungen zu beginnen und sich von ihrem Beichtvater leiten zu lassen.

Kardinal Newman machte angehenden Christen bewusst, dass sie auf dem Glaubensweg auf die Probe gestellt werden würden: „Ich werde auf die Probe gestellt: Mein Verstand wird auf die Probe gestellt, denn ich werde glauben müssen; meine Gefühle werden auf die Probe gestellt, denn ich werde Gott gehorchen müssen statt mir selbst zu gefallen; mein Körper wird auf die Probe gestellt, denn ich werde ihn unterordnen müssen. […] Mach dir keine Sorgen, geh weiter. »Der Himmel ist nichts für Feiglinge«, pflegte der heilige Philippus zu sagen. Rufe den Retter der Menschen an – er wird dich erhören. Er wird all deine Wunden heilen, die dir zugefügt wurden, als du ihm gedient hast.“

Kardinal John Henry Newman starb am 11. August 1890 und bat vor seinem Tod darum, dass auf seiner Grabtafel die Worte stehen sollten: „Ex umbris et imaginibus in Veritatem“ („Aus Schatten und Bildern zur Wahrheit“). Die Seligsprechung von Kardinal Newman fand 2010 statt, 2019 wurde er heiliggesprochen.

„Hütet euch davor, dass euch die Welt nicht verführt“, warnt uns der heilige Kardinal Newman heute. – Sie wird versuchen, euch zu überzeugen und zu beeinflussen, dass sie allein vernünftig und weise ist, dass die Religion ein Relikt ist…. Sie wird das Böse gut und das Gute böse nennen. Und du wirst sicherlich versucht werden, aber »wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet« (Mt 26,41). Entweder wirst du die Welt besiegen, oder die Welt wird dich besiegen…. Wähle und erinnere dich: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!«
(Galater 5,1). Beginnen wir im Glauben, beginnen wir mit Christus, beginnen wir mit seinem Kreuz und den Erniedrigungen, zu denen es führt. Lassen wir uns zu dem ziehen, der erhöht worden ist, damit er sich an uns verschenken und uns alles geben kann. Lasst uns zuerst »sein Reich und seine Gerechtigkeit« suchen, und alles, was in dieser Welt ist, »wird euch alles […] dazugegeben« (Mt 6,33). Nur diejenigen können diese Welt wirklich nutzen, die in Kontakt mit der unsichtbaren Welt getreten sind. Sie kann nur nutzen, wer vorher gelernt hat, sich von ihr zu trennen und sich ihr zu enthalten. Wirklich schlemmen können nur diejenigen, die zuvor gefastet haben. Nur die können die Welt nutzen, die gelernt haben, sie nicht zu missbrauchen, und nur die werden sie erben, die sie als Schatten der zukünftigen Welt annehmen und diese Welt für diese zukünftige Welt verlassen wollen.“