Müssen sich Rosenkranz und Mikroskop gegenseitig ausschließen? Kann ein Wissenschaftler nicht auch eine gläubige Person sein? Beispiele von Katholiken, die bedeutende Entdeckungen in Biologie, Physik oder Chemie gemacht haben, beweisen die Einheit von Vernunft und Glauben.
Am 4. September 2023 feierten wir den 25. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika Fides et ratio von Papst Johannes Paul II., die sich mit der Beziehung zwischen Glauben und Vernunft befasst. Das Dokument beginnt mit den bedeutsamen Worten: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“. Der Heilige Vater argumentiert (unter Bezugnahme auf die Bibel und das Lehramt der Kirche, das insbesondere auf dem Ersten Vatikanischen Konzil zum Ausdruck kam), dass es keinen Konflikt zwischen den beiden Erkenntnisbereichen gibt, im Gegenteil: „Es besteht zwischen der Vernunft- und der Glaubenserkenntnis eine tiefe, untrennbare Einheit“ (FR 16). Diese Einheit impliziert jedoch nicht die Verschmelzung der beiden Bereiche zu einem einzigen. „Die Kirche schlägt weder vor, dass die Wissenschaft zur Religion wird, noch dass die Religion zur Wissenschaft wird […]. Sowohl die Religion als auch die Wissenschaft müssen ihre Autonomie und ihre Vielfalt bewahren“, schrieb Johannes Paul II. in einem berühmten Brief an den Direktor der Vatikanischen Sternwarte, George V. Coynne SJ, der 10 Jahre vor der Enzyklika veröffentlicht wurde.
Die Worte des Papstes, der in seinem Leben rationales Denken mit tiefem Glauben verband, stimmen mit den Erfahrungen vieler gläubiger Wissenschaftler überein. Unter ihnen finden wir auch große Entdecker, die das Schicksal von Menschen auf der ganzen Welt verändert haben.
Louis Pasteur (1822-1895)
Der Name dieses französischen Wissenschaftlers findet sich noch heute in Biologie-Lehrbüchern, als Schöpfer des ersten Impfstoffes gegen Tollwut beim Menschen, eine Krankheit, die im 19. Jahrhundert viele Menschenleben forderte. Pasteurs Leistungen sind jedoch viel umfangreicher und umfassen unter anderem Forschungen im Bereich der Fermentation und des Fäulnisprozesses. Die Entdeckung von zwei Enantiomeren des Weinsäure-Moleküls führte zur Methode der thermischen Konservierung von Lebensmitteln, die nach dem Mikrobiologen Pasteurisierung genannt wurde, und trug auch zur Herstellung von Arzneimitteln oder… Schmelzkäse bei. Ein weiterer großer Verdienst des Wissenschaftlers war die Widerlegung der Theorie der Spontanzeugung von Mikroorganismen, nach der Mikroben aus anorganischer Materie entstehen sollten. Der Chemiker führte eine Reihe von Experimenten durch, die bewiesen, dass Leben nur aus Leben entstehen kann.
Pasteur war für seinen Glauben und den häufigen Empfang der Sakramente bekannt. Eine bemerkenswerte Begebenheit ereignete sich, als er einmal im Zug nach Paris den Rosenkranz betete. „Ein junger Student betrat das Abteil und begann, den betenden Mann davon zu überzeugen, dass die aktuellen wissenschaftlichen Errungenschaften, insbesondere in der Biologie, endgültig beweisen, dass der Mensch unabhängig von Gott ist und dass Gott daher nicht existieren kann. Der ältere Herr ließ sich jedoch nicht überzeugen, und so bat der Student zum Abschied um den Namen und die Adresse seines Reisegefährten, um ihm Bücher zu schicken, die ihn von dieser These überzeugen könnten. Wie groß muss seine Überraschung gewesen sein, als er eine Karte mit der Aufschrift erhielt: „Louis Pasteur, Institut Pasteur in Paris“.
Die Entdeckungen des Wissenschaftlers sind nicht nur ein herausragendes Beispiel für die Verbindung von Grundlagen- und angewandter Forschung in der Chemie sowie in der Anatomie und Physik, sondern zeugen auch von der Einheit von Vernunft und Glauben. „Der größte Stolz Frankreichs, Louis Pasteur, ist ein gläubiger Katholik. […] Bekanntermaßen hat er gesagt: ‚Meine Studien und Forschungen haben mich dahin gebracht, dass ich so ziemlich den Glauben eines bretonische Bauern habe; ich zweifle aber nicht: hätte ich noch weiter studiert und geforscht, so würde ich es bis zum Glauben einer bretonischen Bäuerin bringen‘“, berichtet Pater Maciej Sieniatycki in seinem Buch Zarys dogmatyki katolickiej z początku XX wieku (Abriss der katholischen Dogmatik am Anfang des 20ten Jahrhunderts, auf Deutsch nicht erschienen).
Gregor Mendel (1822-1884)
Wer hat nicht schon vom Vater der Genetik gehört, der als erster die Regeln der Vererbung entdeckte, die nach ihm Mendelsche Gesetze genannt werden? Die wenigsten wissen jedoch, dass ihr Entdecker ein Mönch war. Am faszinierendsten ist jedoch, dass der deutschsprachige Tscheche seine bahnbrechenden Entdeckungen im Klostergarten machte, indem er verschiedene Erbsensorten kreuzte. In seinem Gewächshaus hatte er 20.000 Setzlinge, an denen er seine Forschungen durchführte. Seine wissenschaftliche Leidenschaft galt nicht nur der Genetik. Das Streben nach einem besseren Verständnis der geschaffenen Welt und der sie beherrschenden Regeln veranlasste Mendel zur Gründung einer meteorologischen Beobachtungsstation; er beschäftigte sich auch mit Hydrogeologie und führte Studien über Bienen durch. Er war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften und landwirtschaftlicher Organisationen. Während Mendels meteorologische Entdeckungen zu seinen Lebzeiten Anerkennung fanden, wurden seine wichtigsten Entdeckungen in der Genetik erst nach seinem Tod, ein halbes Jahr nach ihrer Veröffentlichung, bekannt.
Mendel studierte sowohl Theologie in Brünn als auch Naturwissenschaften in Wien. Nicht nur in seinen Studien, sondern auch in seinem Leben verstand er es, fides mit ratio zu verbinden. Er teilte sein Wissen mit jungen Agrar- und Naturwissenschaftlern am Gymnasium in Znaim und am Technischen Institut in Brünn, indem er wissenschaftliche Tätigkeit mit Seelsorge verband. Er war sogar Abt der Augustinermönche in Brünn. In Pater Mendels Wappen als Abt zeigen die vier Felder des Schildes Lilien als Symbol der Botanik und der Genetik, einen Pflug mit Kreuz als Segen für die Landwirtschaft, einen Händedruck mit brennendem Herzen und Alpha und Omega – das Symbol des allmächtigen Gottes – als Schöpfer und Vollender von allem.
Jérôme Lejeune (1926-1994)
„Enkel“ von Gregor Mendel, Genetiker und Arzt, Absolvent der Sorbonne in Paris, der 100 Jahre nach der Entdeckung der Mendelschen Vererbungsgesetze die Ursache des Down-Syndroms entdeckte. Professor Lejeune, der bahnbrechende Forschungen zur Trisomie 21 durchführte, engagierte sich maßgeblich im Rahmen der Abtreibungsdebatte in Frankreich in der Pro-Life-Bewegung. Trotz der Ächtung durch die medizinische Gemeinschaft vertrat er mit Nachdruck die Auffassung, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat. „Ein Mensch beginnt im Moment der Empfängnis. Dies ist keine moralische oder sentimentale Aussage, sondern eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache. Ab dem Moment der Zeugung eines Menschen haben wir es mit einem menschlichen Wesen zu tun – es ist kein Fisch oder ein Gewächs oder eine Amöbe. Es ist ein Mensch. Diejenigen, die behaupten, Abtreibung sei kein Verbrechen, geben eine Lizenz zum Töten […]. Wissenschaft kann sich nicht auf ein Missverständnis stützen. Sie kann nicht auf einer falschen Hypothese aufgebaut werden; […] ein Theoretiker kann nie mit der Vernunft gegen die Natur argumentieren, und die Tatsachen sind hartnäckig. Daher ist das Missverständnis, dass der Fötus kein Mensch sei, ein Fehler und führt in eine Sackgasse“. Der Arzt erinnerte daran, dass die Aufgabe der Medizin in erster Linie darin besteht, dem kranken Menschen, in diesem Fall dem Ungeborenen, nicht zu schaden und alles zu tun, um ihm zu helfen.
Für seine Schüler und Kollegen war der Professor ein Vorbild nicht nur für das ärztliche Ethos, sondern auch für einen demütigen Christen. Die Ärztin Pilar Clava de Vasquez erinnert sich an den französischen Mediziner wie folgt: „Sein Zeugnis des Respekts und der Liebe zum Leben hat mich verändert. […] Ich entdeckte, dass man ein außergewöhnlicher Wissenschaftler und ein großer Katholik zugleich sein kann. Ich verstand, dass man gleichzeitig ein Kreuz und einen weißen Kittel tragen kann.“ Ein anderer Student des Professors, John Bruchalski, verdankt seinem Meister die Erkenntnis, dass sich Glaube und Vernunft nicht gegenseitig ausschließen: „Ich entdeckte, dass mein Gewissen und mein Glaube in meiner Beziehung zu den Patienten genauso wichtig waren wie mein Stethoskop und mein Rezept“, erinnert sich der junge Arzt. Jérôme Lejeune selbst erklärte die Bedeutung seiner Arbeit so: „Um zu vermeiden, dass die Genetik unmenschlich wird, muss sie unbedingt den Respekt vor jedem Geschöpf bewahren, und nichts kann sie besser darauf vorbereiten als der Respekt vor dem Schöpfer. Früher sage man: Timete Dominum et nihil aliud. Das ist die wahre Freiheit des Geistes. Fürchte den Herrn und sonst nichts: dann bleibt die ganze Wissenschaft der ehrliche Diener des Menschen“.
Der ehemalige Direktor des Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung in Paris, UN- und WHO-Experte und Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben ist heute ein Kandidat die Heiligsprechung.
Nicht nur Biologie und Medizin
„Die Größe und unendliche Weisheit des Schöpfers der Welt erkennt nur derjenige wirklich, der in dem Buch der Natur versucht, seine Gedanken zu verstehen“, schrieb der Chemiker Justus von Liebig (1803-1873), Pionier bei der Erforschung der Auswirkungen von Umweltfaktoren auf Organismen, heute der Vater der Düngemittel genannt.
Unter den großen Physikern, Erfindern auf dem Gebiet der Elektrizität, finden wir viele Katholiken. Dazu gehören Alexander Volta (1745-1827), der täglich die Messe besuchte und an seinem Hausaltar vor einem Bild der Jungfrau Maria den Rosenkranz betete, André Ampère (1775-1836), der regelmäßig die Heilige Schrift und Texte der Kirchenväter las, und James C. Maxwell (1831-1879), der als tiefgläubig galt, regelmäßig die Gottesdienste besuchte und bei seinem Tod ein öffentliches Glaubensbekenntnis ablegte.
Katholikinnen waren auch die erste Frau in Europa, die ein Mathematiklehrbuch schrieb und als Professorin an einer Universität tätig war – Maria Gaetana Agnesi (1718-1799), und die erste Frau mit einem Doktortitel in Informatik – Sr. Mary Kenneth Keller (1913-1985).
Es ist auch erwähnenswert, dass Gläubige auch Nobelpreisträger waren, darunter Gerta Cori (1896-1957), eine amerikanische Biochemikerin, die sich mit der Erforschung der Glykogenolyse befasste, und Mario Molina (1943-2020), ein mexikanischer Chemiker, der die Atmosphärenchemie studierte. Die genannten Namen sind nur einige Beispiele für Menschen, die sich leidenschaftlich für die Wissenschaft einsetzten und sich gleichzeitig bescheiden zu ihrem Glauben bekannten. Ihre Botschaft lässt sich mit dem Appell des britischen Physikers William Thomson (1824-1907) an die Naturforscher zusammenfassen: „Fürchtet euch nicht, unabhängige Denker zu sein. Wenn ihr gut nachdenkt, werdet ihr gezwungen sein, an Gott zu glauben… Ihr werdet sehen, dass die Wissenschaft kein Feind, sondern eine Hilfe der Religion ist.“





