Bernard Nathanson, geboren 1926, war Professor an der Cornell University, Atheist und einer der weltweit führenden Befürworter des Schwangerschaftsabbruchs. Er setzte sich vehement dafür ein, Abtreibungen in den USA legal, kostengünstig und für alle zugänglich zu machen. 1968 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern von NARAL – der National Abortion Rights Action League.
Nathanson leitete die größte Abtreibungsklinik in den Vereinigten Staaten. Er gestand, 75.000 Abtreibungen vorgenommen zu haben. Dieser „hartgesottene Atheist“ erlebte ein Wunder der Wandlung von Geist und Herz. 1996 ließ er sich in der katholischen Kirche taufen.
Elternhaus und Schule
Bernards Vater, ein Medizinprofessor und Sohn jüdischer Einwanderer, hatte sich bereits während seiner Studienzeit vom orthodoxen Judentum abgewandt. Er glaubte nicht an Gott, sondern nur an eine „höhere Macht“. Er prägte das Leben und die Persönlichkeit seines Sohnes, indem er ihm nihilistische Einstellungen und Überzeugungen vermittelte. Der Junge wuchs in einem Elternhaus auf, in dem nur die jüdischen Bräuche und Rituale befolgt wurden, ohne jedoch den jüdischen Glauben zu praktizieren. Die Eltern schickten Bernard auf eine der besten Schulen in New York (Columbia Grammar School), die von Kindern aus den wohlhabendsten jüdischen Familien besucht wurde.
Unter dem Einfluss seines Vaters wandte sich Nathanson von der Religion ab, die er als nutzlos und belastend empfand, vergleichbar mit einem „Stein am Hals“. Trotz seines Unglaubens zwang der Vater Bernard, dreimal pro Woche eine orthodoxe hebräische Schule zu besuchen. Dort lernte der Junge die hebräischen Gebete auswendig. Aus dieser Erfahrung schlussfolgerte er, dass die jüdische Religion streng und unbarmherzig sei. „Der Gott meiner Kindheit“, so erinnerte er sich Jahre später, „glich der grimmigen, majestätischen, bärtigen Figur von Moses in der Skulptur von Michelangelo. Ich sah ihn, wie er über mir gebeugt saß und einen Moment lang über mein Schicksal nachdachte, bevor er die unvermeidliche Verurteilung aussprach. So war der Gott meiner jüdischen Religion – mächtig und furchteinflößend wie ein Löwe. Welch große Erleuchtung erlebte ich, als ich während meiner Zeit bei der US-Luftwaffe aus lauter Frustration und Langeweile begann, abendliche Bibelkurse zu besuchen! Damals entdeckte ich, dass der Gott des Neuen Testaments liebevoll, verständnisvoll, sanftmütig und allvergebend gegenüber Menschen ist, die ein reumütiges Herz zeigen.“
1945 begann Bernard sein Medizinstudium an der renommierten McGill University. Im vierten Studienjahr beeindruckte ihn besonders der Psychiatrieprofessor Karl Stern. Nathanson wusste damals nicht, dass dieser bemerkenswerte Lehrer und herausragende Wissenschaftler 1943 zum Katholizismus konvertiert war und seinen Bekehrungsweg in seinem Buch Pillar of Fire (dt. Die Feuerwolke) dokumentiert hatte.
Die dämonische Welt der Abtreibung
Im Herbst 1945 lernte Bernard auf einem Universitätsball die charmante, unschuldige 17-jährige Ruth kennen. Die beiden verliebten sich auf den ersten Blick, verbrachten immer mehr Zeit miteinander und planten ihre Hochzeit. Ihre Idylle wurde jäh durch Ruths Schwangerschaft zerstört. Sie wollten dieses Kind nicht und beschlossen, es zu „entfernen“. Nach langem Suchen fanden sie einen Arzt, der heimlich und zu dieser Zeit noch illegal Abtreibungen in seiner Privatpraxis durchführte. Nachdem das Kind getötet worden war, verhielten sich Bernard und Ruth wie Verschwörer nach einem abscheulichen Verbrechen, über das nicht gesprochen werden darf. Jahre später erinnerte sich Nathanson: „Ich bin sicher, dass trotz ihres tapferen Gesichtsausdrucks, ihrer Loyalität und Liebe zu mir in den melancholischen Ecken ihres Geistes Fragen aufkamen: ‚Warum hat er mich nicht geheiratet? Warum konnten wir dieses Kind nicht haben? Warum musste ich mein Leben und das Leben meiner zukünftigen Kinder für seinen Komfort und sein Studium riskieren? Wird Gott mich für das, was ich getan habe, bestrafen und mich unfruchtbar machen?‘“.
Für Bernard waren religiöse Fragen zu dieser Zeit irrelevant. In ihm reifte, wie er selbst zugab, „der Charakter eines hartgesottenen jüdischen Atheisten“. Er sorgte sich nur um Ruths Gesundheit und ihre zukünftige Fruchtbarkeit. Bald darauf trennten sich die Wege des jungen Paares. Diese Erfahrung markierte für Nathanson den ersten Einblick in die satanische Welt der Abtreibung.
Mitte der 60er Jahre schloss Bernard seine Facharztausbildung in Geburtshilfe und Gynäkologie ab und stand am Anfang einer vielversprechenden Karriere. Doch er hatte bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich, zerstört – wie er es selbst ausdrückte – durch „Egoismus, Narzissmus und die Unfähigkeit zu lieben. In dieser Zeit zeugte er ein Kind mit einer Frau, die ihn sehr liebte. Sie flehte ihn an, das Kind austragen und zur Welt bringen zu dürfen. Nathanson war jedoch unnachgiebig. Er forderte von seiner Geliebten, dass sie die Schwangerschaft sofort abbricht, da er es sich das Kind nicht leisten konnte. Er drohte, sie nicht zu heiraten, wenn sie die Abtreibung nicht durchführen ließe. Zudem bot er ihr an, das Kind selbst abzutreiben. So tat er es auch – auf professionelle Weise tötete er sein eigenes Kind…. Dabei hatte er keine Gewissensbisse oder auch nur den geringsten Zweifel an seiner Handlungsweise. In seinem Bewusstsein als Abtreibungsarzt hatte er nur das Gefühl, seine Arbeit gut gemacht zu haben.
Vor der Durchführung der Abtreibung verhielt sich Nathanson wie andere Ärzte, die ihre Patientinnen nicht über die gefährlichen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs informierten. Nach seiner Bekehrung schrieb er: „Es stellt sich heraus, dass Abtreibung mit Brustkrebs in Verbindung gebracht werden kann, dass Tausende von Frauen infolge einer fehlgeschlagenen Abtreibung ihre Fruchtbarkeit verloren haben und dass die Sterblichkeit von Frauen, die sich diesem Eingriff nach der 13. Schwangerschaftswoche unterziehen, höher ist als die Geburtenrate“. Die Arroganz der Mediziner wurde schon immer als unerträgliche Begleiterscheinung ihres Berufes angesehen, doch die himmelschreiende Überheblichkeit der Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, verblüfft bis heute. Auf zehntausend Mädchen wie Ruth kommt ein Abtreiber: kalt, gewissenlos, skrupellos, der seine Talente für niederträchtige Zwecke nutzt, seine ethische Verantwortung beschmutzt und Frauen mit seiner ärztlichen Ruhe und beruhigenden Professionalität geradezu verführt, sich für einen Mord zu entscheiden. Es ist kein Zufall, dass der nächste Schritt in dieser perversen Entartung medizinischer Fähigkeiten darin besteht, dass Ärzte vom Staat ermächtigt werden, – immer im Namen des Mitgefühls! – bei der Tötung zu helfen. Wie anders sähe die Welt aus, wenn ein unbedachter ‚Experte‘ für das Kalkül des Leidens eine Stunde nach der Kreuzigung auf eine Leiter geklettert wäre und Jesus eine Dosis Zyankali verabreicht hätte…“.
Taktiken zur Einführung von Abtreibungsgesetzen
Im Jahr 1968 wurde Nathanson einer der Mitbegründer der National Abortion Rights Action League (NARAL), die darauf abzielte, Abtreibung in den USA zu legalisieren. Nach ihrer Legalisierung im Jahr 1970 im Bundesstaat New York wurde er zum Direktor der größten Abtreibungsklinik der Welt ernannt. Bernard Nathanson gestand, für 75.000 Abtreibungen verantwortlich zu sein. In einem seiner kurz nach seiner Bekehrung verfassten Artikel mit dem Titel „Confessions of an Ex-Abortionist“ (Bekenntnisse eines Ex-Abtreibers) beschrieb Nathanson die Taktik, die er zusammen mit NARAL anwandte, um alle Gesetze zu brechen, die die Abtreibung in den USA und auf der ganzen Welt einschränkten. Man darf nicht vergessen, dass in den 1960er Jahren die Mehrheit der Amerikaner gegen die Abtreibung war. Innerhalb von fünf Jahren überzeugten die „Spezialisten“ von NARAL durch eine intensive Werbekampagne den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, 1973 ein Urteil zu fällen, das Abtreibung auf Verlangen ohne Einschränkungen bis zum neunten Schwangerschaftsmonat legalisierte. Erst im Jahr 2022 wurde dieses Urteil vom Obersten Gerichtshof der USA aufgehoben!
„Wie haben wir das gemacht? Es ist wichtig, die von uns angewandte Taktik zu verstehen, denn sie wird in den westlichen Ländern bei der weiteren Liberalisierung der Abtreibungsgesetze immer noch angewandt.“
Der erste Schlüssel zur Effektivität war, die Medien davon zu überzeugen, dass die Akzeptanz von Abtreibung ein Zeichen für aufgeklärten Liberalismus sei. Die Abtreibungsbefürworter wussten, dass sie bei einer Meinungsumfrage verlieren würden. Deshalb erstellten sie statistische Daten auf der Grundlage fiktiver Umfragen. Sie informierten die Medien, dass laut neuesten Umfragen 60 % der Amerikaner für die Abtreibung seien. Vorsätzlich streuten sie die Falschinformation, dass 10.000 Frauen pro Jahr an illegalen Abtreibungen sterben, obwohl die tatsächliche Zahl bei 200-250 lag. Die Lobbyisten behaupteten auch, dass in den USA jährlich über eine Million Frauen eine illegale Abtreibung vornehmen lassen, während es tatsächlich etwa 100.000 waren. Die ständige Wiederholung der großen Lügen in den öffentlichen Medien überzeugte das Publikum. Diese Art von Propagandakampagne erwies sich als sehr wirksam. Innerhalb von fünf Jahren gelang es ihnen, die Mehrheit der Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Abtreibung so schnell wie möglich legalisiert werden sollte.
Der zweite Aspekt ihrer Taktik war das Spielen der sogenannten katholischen Karte. Pro-Abtreibungsaktivisten diffamierten ständig die katholische Kirche und ihre „rückständigen“ Ansichten und bezeichneten die Kirchenführer als heuchlerische Schurken, die gegen die Abtreibung seien, um die Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Die Medien wurden mit verschiedenen Lügen gefüttert, wie z. B. „Wir alle wissen, dass nur der Klerus gegen die Abtreibung ist, während die katholischen Laien mit überwältigender Mehrheit für die Abtreibung sind“. Dieses Thema wurde immer wieder aufgegriffen.
Der dritte Weg, auf dem die Lobbyisten agierten, bestand darin, die Propagandakampagne zu legitimieren, indem sie Informationen über die wissenschaftlichen Beweise für den Beginn des menschlichen Lebens bei der Empfängnis blockierten. „Wir haben behauptet, dass die Wissenschaft niemals in der Lage sein würde, dies zu bestimmen, da es nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, sondern nur in der Philosophie und der Theologie. Das war eine große Lüge, denn die Phytologie [die Wissenschaft vom Beginn des menschlichen Lebens – Anm. d. Red.] liefert unwiderlegbare Beweise dafür, dass das menschliche Leben mit der Empfängnis beginnt und denselben Schutz benötigt, den wir genießen.“
„Wenn ich heute – schrieb Nathanson Jahre später – fünfundzwanzig Jahre zurückblicke auf dieses abscheuliche Spiel, das sich in den Körpern schwangerer Frauen und ihren ermordeten Kindern abspielte, überrascht mich der absolute Mangel an Kritik an der Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, die totale moralische und spirituelle Leere, die diesem alptraumhaften Unterfangen zugrunde lag, unsere unerschütterliche Überzeugung von der hohen moralischen Ebene unseres Handelns. Und doch war das, was wir taten, einfach verachtenswert! Warum konnten wir die verlogene Ethik und Niederträchtigkeit der praktizierenden Ärzte nicht erkennen, die offensichtliche Gier mit einer gefühllosen Motivation verbanden: die hoffnungslose Dummheit des gesamten Unternehmens mit der Stumpfheit der daran Beteiligten; alle ethischen Hinweise mit der Unmoral der eigentlichen Handlung?!“.
Verwandlung von Geist und Herz
1973 wurde Nathanson Chefarzt der Geburtshilfestation im St. Luke’s Hospital in New York. Dort wurde erstmals ein Ultraschallgerät installiert, das modernste Gerät zu jener Zeit, das es ermöglichte, den Fötus im Mutterleib zu sehen und zu untersuchen. Mit dem Ultraschallgerät eröffnete sich für Bernard eine neue Welt. Er erinnert sich: „Zum ersten Mal konnten wir einen menschlichen Fötus wirklich sehen – ihn messen, beobachten, anschauen und sogar eine Beziehung mit ihm aufbauen und ihn lieben. Die Bilder des Fötus, die auf dem Ultraschallgerät gezeigt wurden, machten einen unglaublich starken Eindruck auf den Betrachter.“
Nach der Einführung des Ultraschalls erlebte Nathansons Einstellung zum menschlichen Fötus einen radikalen Wandel. „Dank des Ultraschalls konnten wir nicht nur feststellen, dass der Fötus ein normal funktionierendes Organ ist, sondern auch seine Lebensfunktionen messen, sein Gewicht bestimmen, sein Alter feststellen, sehen, wie er schluckt und uriniert, ihn im Schlaf und beim Aufwachen beobachten und auch verfolgen, wie er sich nicht weniger zielgerichtet bewegt als ein Neugeborenes.“
Von diesem Zeitpunkt an war der Arzt nicht mehr von der Rechtmäßigkeit der Abtreibung auf Verlangen überzeugt. Er reduzierte drastisch die Anzahl der von ihm durchgeführten „Eingriffe“ auf Fälle, die seiner Meinung nach medizinisch gerechtfertigt waren. Die letzte Abtreibung führte er 1979 durch.
Ab 1984 stellte sich Nathanson immer mehr Fragen über Schwangerschaftsabbrüche. Schließlich hatte er schon so viele Abtreibungen vorgenommen, aber er tat dies ohne nachzudenken, mechanisch, blindlings. Er führte ein Instrument in die Gebärmutter einer Frau ein, schaltete den Motor ein und die Maschine saugte einen Gewebefetzen heraus. Er wollte unbedingt wissen, was dabei tatsächlich geschah. Deshalb bat er seinen Freund Jay, der bis zu 20 Abtreibungen am Tag durchführte, während des „Eingriffs“ den Ultraschall einzuschalten und den Ablauf auf Film aufzunehmen. Der Freund tat dies mit großer Sorgfalt. Als sich beide später im Schneideraum die Aufnahmen ansahen, erlebten sie einen echten Schock, und Jay sagte, er würde nie wieder eine Abtreibung vornehmen. „Es war ein Schock, der die Wurzeln meiner Seele berührte“, schrieb Nathanson später. Bernard sah zum ersten Mal, was bei einer Abtreibung wirklich passiert und was sie wirklich ist. Nach professioneller Bearbeitung der Bänder entstand der Film The Silent Scream (Der stumme Schrei). Es ist das filmische Dokument eines grausamen Verbrechens, das an einem unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen wird. Er zeigt ein 12 Wochen altes Baby im Mutterleib, das versucht, sich gegen das Quetschinstrument und den Saugapparat zu wehren, der es zerreißt. Der Film wurde erstmals am 3. Januar 1985 in Florida gezeigt und erregte großes Aufsehen.
Die Liberalen erhoben einen entsetzen Aufschrei, weil der Dokumentarfilm eine enorme Bedrohung für die Abtreibungsbefürworter darstellte. Die liberalen Medien versuchten zu verhindern, dass diese Wahrheit die breite amerikanische Öffentlichkeit erreicht. Keiner der Fernsehsender wollte den Film zeigen oder sich gar bereit erklären, Sendezeit für Werbung zu verkaufen, deren Inhalt die Entscheidung für das Leben gepriesen hätte. Dies war ein klarer Beweis dafür, in welchem Ausmaß die Medien von Leuten beherrscht werden, die die Kultur des Todes unterstützen.
Wissenschaftliche Fakten öffneten Nathansons Herz: Er akzeptierte die unbestreitbare Wahrheit, dass menschliches Leben mit der Empfängnis beginnt und dass jeder Schwangerschaftsabbruch Mord an einem unschuldigen und wehrlosen Menschen ist. Dr. Nathanson änderte seine Ansichten über Abtreibung, basierend auf wissenschaftlichen und nicht auf religiösen Erwägungen.
Der Weg zur katholischen Kirche
Der geistliche Weg zum Glauben an Gott war für Bernard Nathanson äußerst schwierig. Zuerst musste er die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod entdecken, dann erst konnte der Glaube an Gott kommen. „Ich war nicht auf der Suche nach etwas Spirituellem; meine Wünsche waren meist irdisch und fleischlich, meine Sehnsüchte konkret und greifbar, leicht zu monetarisieren. Schlimmer noch, ich betrachtete spirituelle Dinge mit Verachtung, wie es sich für einen hartgesottenen jüdischen Atheisten gehört“. – schrieb Nathanson. Zwischen 1978 und 1988 durchlebte Bernard eine äußerst schwierige Zeit. Er spürte die Auswirkungen seines sündigen Lebens auf besonders schmerzhafte Weise. „Ich wachte jede Nacht um vier oder fünf Uhr morgens auf, starrte in die Dunkelheit und wartete, ob sich in der Finsternis plötzlich die Nachricht meiner Freisprechung durch ein unsichtbares Gericht zeigen würde. Nach vergeblichem Warten schaltete ich das Nachtlicht ein, nahm eines der Bücher über die Sünde zur Hand und las wieder einmal Abschnitte aus den Bekenntnissen des heiligen Augustinus sowie Bücher von Dostojewski, Paul Tillich, Kierkegaard, Niebuhr und sogar Lewis Mumford und Waldo Frank.“
Der Arzt wurde immer häufiger von Selbstmordgedanken heimgesucht. Die Last seiner Schuld war unerträglich, insbesondere das Bewusstsein, Tausende von Abtreibungen an unschuldigen Kindern vorgenommen zu haben. Nathanson versuchte, seinen seelischen Schmerz und seine Verzweiflung mit Beruhigungsmitteln, Alkohol, Selbsthilfebüchern und Besuchen beim Psychiater zu lindern – nichts half. In dieser Zeit engagierte sich Nathanson auch zunehmend in der Pro-Life-Bewegung. Er reiste mit Vorträgen durch die ganzen Vereinigten Staaten, schrieb Bücher und engagierte sich in der Politik. Wenn er an Kundgebungen der Abtreibungsgegner teilnahm, machte er deutlich, dass er mit ihnen nur die Ablehnung der Abtreibung gemeinsam hatte, während er sich mit dem Glauben an Gott zurückhielt. Während dieser Kundgebungen und Proteste vor Abtreibungskliniken erlebte er die Atmosphäre der Selbstlosigkeit unter den Versammelten. Die Gesichter der betenden Menschen, umgeben von Polizeiketten, strahlten wahre Liebe aus. Diese Menschen beteten unablässig und erinnerten immer wieder an das absolute Gewaltverbot. Nathanson gestand: „Ich war einfach nur erstaunt über die Kraft ihrer Liebe und ihres Gebets: Sie beteten für die ungeborenen Kinder, für die verlorenen und verängstigten Mütter, für die in der Klinik arbeitenden Ärzte und Krankenschwestern. Sie beteten sogar für die Polizei und die Medien, die die Demonstration übertrugen. Sie beteten füreinander, aber nie für sich selbst. Ich begann mich zu fragen: ‚Wie ist es möglich, dass diese Menschen so viel geben können, sich für eine Minderheit einsetzen, die stumm, unsichtbar und nicht in der Lage ist, ihre Dankbarkeit auszudrücken?‘“
Das Beispiel der betenden Pro-lifer brachte Nathanson dazu, zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft den Gedanken an die Möglichkeit der Existenz Gottes zuzulassen. Er begann, über die Existenz eines Gottes nachzudenken, „der mich durch alle Kreise der Hölle geführt hat, nur um mir in seiner Gnade den Weg zur Erlösung zu zeigen und mir seine Barmherzigkeit zu schenken. Dieser Gedanke – der all meinen neunzehn Jahre alten Gewissheiten, denen ich treu gewesen war, widersprach – zeigte in einem einzigen Augenblick meine Vergangenheit als einen abscheulichen Sumpf von Sünde und Bösem, klagte mich an und befand mich für schwere Verbrechen schuldig […] und zeigte mir gleichzeitig – auf wundersame Weise – […], dass jemand vor zweitausend Jahren für meine Sünden gestorben war“.
Bevor er sich jedoch auf die geistige Reise auf der Suche nach Gott begab, las Nathanson gierig die Autobiografien großer katholischer Konvertiten, wie Malcolm Muggeridge, Kardinal Newman, Graham Greene, C.S. Lewis und Walker Percy. Am meisten identifizierte er sich jedoch mit der Geschichte seines Professors Karl Stern, der seine faszinierende spirituelle Reise zum katholischen Glauben in seiner Autobiographie Pillar of Fire (dt. Die Feuerwolke) beschrieb. Nathanson gestand, dass er jedes Mal, wenn er diese Autobiografie las, nur schwer Tränen zurückhalten konnte: „Es war mir bestimmt, den Globus auf der Suche nach dem Einen zu durchqueren, ohne den ich verdammt wäre, aber jetzt hatte ich den Saum seines Gewandes in Verzweiflung, in Schrecken, in einem himmlischen Anfall der reinsten Notwendigkeit ergriffen. Meine Gedanken kehren wieder zu dem Helden meiner Studienjahre, Karl Stern, zurück – der zur gleichen Zeit eine geistige Verwandlung durchmachte, als er mich in den Künsten des Verstehens des menschlichen Geistes, seiner Ordnung und seiner Ursprünge unterrichtete – und zu den Worten, die er an seinen Bruder schrieb: ‚Es besteht kein Zweifel: Wir liefen entweder zu ihm oder vor ihm weg, und er war die ganze Zeit im Zentrum von allem.‘“
Nathanson war sich bewusst, dass sehr viele Menschen in der Pro-Life-Bewegung für ihn beteten. Die geistige Verwandlung fand in ihm sanft und natürlich statt, brachte ihm innere Erleichterung und Frieden. Er begann, sich regelmäßig mit Pater John McCloskey zu treffen, der sein geistlicher Begleiter auf dem Weg des Glaubens wurde. Bereits 1994 sprach Bernard öffentlich über seine Entscheidung, zum Katholizismus zu konvertieren. Am 9. Dezember 1996 wurde er in der St. Patrick‘s Cathedral in New York von Kardinal J. O‘Connor getauft. Jüdische Freunde begrüßten seine Entscheidung mit Wohlwollen. Nathanson schrieb: „Indem ich Christus annehme, schätze ich noch mehr die Tatsache, dass ich zur jüdischen Kultur, dem jüdischen Volk und der jüdischen Tradition gehöre. Dies wird immer der Fall sein, und ich bin stolz darauf“. Von da an besuchte der Arzt jeden Tag die Messe, ging regelmäßig zur Beichte, führte ein Leben des tiefen Gebets und legte als Wissenschaftler in seinen Büchern, Filmen und zahlreichen Vorträgen Zeugnis davon ab, dass das menschliche Leben ebenso heilig ist wie Gott, der dieses Leben schenkt, und dass daher niemand das Recht hat, einem anderen menschlichen Wesen das Leben zu nehmen. Die Bekehrung von Professor Bernard Nathanson, der von einem der führenden Abtreibungsärzte der Welt und „hartgesottenem Atheisten“ zu einem glühenden Katholiken und führenden Verteidiger des Lebens ungeborener Kinder wurde, ist zweifellos eine der größten Bekehrungen des 20. Jahrhunderts.
Als Nathanson am 19. Oktober 1996 in Polen eintraf, richtete er auf einer Pressekonferenz in Warschau einen Appell an die polnischen Parlamentarier: „Ich bitte Sie, unternehmen Sie keinen Schritt in Richtung Liberalisierung der Abtreibung! Die Geschichte wird Ihnen das nie verzeihen. Ich möchte Sie davor warnen, die gleichen Fehler zu machen, die wir in Amerika gemacht haben. Ein Votum für die Abtreibung ist gleichzeitig ein Votum für die Euthanasie, für die Tötung alter, verkrüppelter und unheilbar kranker Menschen, für genetische Experimente – es wird der erste Schritt auf einer schiefen Ebene sein, an deren Ende die totale Entmenschlichung des Lebens, das Tal des Todes steht.“





