Wo werde ich dich in der Stunde des Todes finden?

1937 erfuhr Klara – ein junges, gläubiges Mädchen – vom plötzlichen Tod ihrer Arbeitskollegin Anita, die erst vor kurzem kirchlich getraut worden war, aber im Jahr zuvor ihre religiöse Praxis freiwillig aufgegeben hatte.

Am Tag nach der Nachricht besuchte Klara die Messe, spendete die heilige Kommunion für Anita und betete leidenschaftlich. Spät am Abend, als sie noch über den Tod nachdachte und für die Seele ihrer Freundin betete, sah sie Anita in einem schrecklichen Zustand. Ihre Kollegin sagte zu ihr: „Klara! Bete nicht für mich! Ich bin verdammt. Ich komme nicht aus freiem Willen, sondern nur, weil ich von Gott dazu gezwungen wurde; glaube nicht, dass ich das aus Freundschaft zu dir tue. Wir lieben hier niemanden mehr. Tatsächlich wünschte ich, dass auch du an diesen Ort ewigen Unglücks geworfen wirst, wo ich bin. Ach… Hätte ich nie existiert! Ja, ich hasse Gott mit all der Leidenschaft meines frei gefassten Entschlusses, von ihm getrennt zu sein, eines Entschlusses, den ich im Augenblick meines Todes gefasst habe und den ich niemals widerrufen möchte. Verstehst du jetzt, warum die Hölle ewig ist? Es ist so, weil meine Hartnäckigkeit und mein Hass auf Gott niemals enden werden! Ich bin gezwungen hinzuzufügen, dass Gott sogar für uns barmherzig ist. Indem er uns einen vorzeitigen Tod gibt, verhindert er, dass wir all das Böse begehen, zu dem wir fähig wären. Das würde unsere Sünden und Strafen vergrößern.  Alle, die in der Hölle brennen, haben überhaupt nicht gebetet oder nur gebetet, um ihre Begierden zu befriedigen. Das Gebet ist der erste Schritt auf dem Weg zu Gott. Besonders das Gebet zu Derjenigen, die die Mutter Christi ist und deren Namen wir hier nie aussprechen! Frömmigkeit entreißt dem Dämon unzählige Seelen, deren Sünden sie unweigerlich in seine Hände geworfen hätten. Wenn ich das zu dir sage, brenne ich vor Wut, denn obwohl ich nicht will, muss ich dennoch über diese Dinge sprechen. Das Gebet ist das Einfachste, was der Mensch auf Erden tun kann. Und genau deshalb hat Gott das Heil eines jeden Menschen daran gebunden. Ich hätte nie an das Wirken des Dämons geglaubt. Aber jetzt kann ich bezeugen, dass er einen sehr großen Einfluss auf Menschen hat, die sich in einer Situation befinden, in der ich mich befunden habe. Auch wenn die Zahl der sichtbar Besessenen gering ist, sind die Menschen, die innerlich von Satan versklavt sind, sehr zahlreich. Ich hasse den Dämon selbst, aber trotzdem gefällt er mir, weil er versucht, euch zu zerstören. Ich hasse ihn und seine Gehilfen – die gefallenen Geister, die mit ihm zu Beginn der Zeiten gefallen sind. Sie schwirren um die ganze Erde wie ein Schwarm Fliegen, aber ihr glaubt das nicht… Es liegt nicht an uns, den Verdammten, euch zu verführen. Das ist den gefallenen Geistern vorbehalten. Ehrlich gesagt, jedes Mal, wenn sie eine weitere Seele an diesen Ort ziehen, steigert sich ihre Qual. Aber was wird nicht alles aus Hass getan!

Während meines irdischen Lebens habe ich mir allmählich, langsam meinen eigenen Gott geschaffen. Man glaubt gerne an das, was einem gefällt. Über die Jahre war ich mit meiner »Religion« zufrieden. Auf diese Weise konnte ich das Leben genießen. Nur eine einzige Sache könnte meinen Stolz brechen: langes und schmerzhaftes Leiden! Aber es kam nicht. Verstehst du jetzt, was die Worte bedeuten: »Gott straft die, die er liebt«?

Meine Abkehr von Gott bestand darin, dass ich aus meinem Mann einen Götzen machte. So etwas kann nur vollständig geschehen, wenn die Liebe nur auf fleischlichen Empfindungen beruht. Diese egoistische Liebe verzaubert, führt zu Besessenheit und vergiftet. Meine Verehrung für Person X wurde zu meiner Lebensreligion. Das war die Zeit, als ich im Büro all meinen Groll auf Priester und alles, was in irgendeiner Weise mit der Kirche verbunden war, ausließ. Letztendlich rebellierte ich gegen Gott.

Das Höllenfeuer, versichere ich dir, besteht nicht aus dem Brennen des Gewissens. Es ist Feuer! Wortwörtlich, wie es gesagt wurde: »Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer!«. Ja, wörtlich… Eine Woche ist seit meinem Tod vergangen – ich spreche nach eurer Zeitrechnung – denn basierend auf meinem Leiden könnte ich gut sagen, dass ich schon seit 10 Jahren in der Hölle brenne! Ein Autounfall… Reißender Schmerz durchbohrte mich. Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt erlebe! Dann verlor ich das Bewusstsein. Plötzlich, im Moment meines Todes, tauchte ich aus dem Nebel auf. Ich sah mich selbst, umhüllt von blendendem Licht, immer noch an der gleichen Stelle, wo mein toter Körper lag. Es war, als würde im Theater plötzlich das Licht ausgehen und der Vorhang mit einem lauten Knall fallen! Dann ereignete sich eine unerwartete Szene. In meinem Fall war sie von unerträglichem Licht erleuchtet: eine Szene aus meinem ganzen Leben! Meine Seele zeigte mir mich selbst wie in einem Spiegel: alle verschmähten Gnaden von meiner Jugend bis zu meinem letzten »Nein« gegenüber Gott. Und ich sah mich wie eine Mörderin, vor deren Augen man während des Prozesses das tote Opfer hereinbringt. Meine Reue? Niemals! Schamgefühl? Unzureichend. Natürlich war es unmöglich, den liebevollen Blick Gottes länger zu ertragen, den ich endgültig abgelehnt hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu fliehen. Wie Kain floh vor dem Leichnam Abels, so blieb auch meiner Seele nichts anderes übrig, als vor diesem schrecklichen Schauspiel zu fliehen. Das war mein besonderes Gericht. Der unsichtbare Richter sprach das Urteil: »Weg von mir!«. Dann sank meine Seele, wie mit Schwefel getränkt, wie ein Schatten in ewige Qualen….“ (Les Ames du Purgatoire dans la vie des saints).

Nach der Lektüre dieses erschütternden Zeugnisses sollte man sich bewusst machen, dass es sich tatsächlich um eine Glaubenswahrheit handelt: Dem Menschen ist die Möglichkeit gegeben, sich freiwillig zu ewigem und unbeschreiblichem Elend zu verdammen, indem er ebenso freiwillig und bewusst das ewige Glück, das Gott ist, ablehnt. Im Augenblick des Übergangs von dieser Welt zur Ewigkeit, wird eine endgültige und unumkehrbare Entscheidung getroffen. Jeder wird persönlich entscheiden, wer er ist, wer er im Laufe seines Lebens geworden ist. Schon jetzt tragen wir in uns die Fähigkeit, uns für die Liebe zu entscheiden oder gegen sie. Im Moment des Todes werden wir vor Gott nicht mit einer abstrakten Wahlmöglichkeit stehen, sondern mit der konkreten Fähigkeit oder Unfähigkeit, uns für die ewige Liebe zu öffnen. Die heilige Katharina von Genua (1447-1510) – eine wahre Apostelin der barmherzigen Liebe – sagt uns folgendes: „Am Ende des irdischen Lebens wird die Seele für immer in dem Guten oder Bösen gefestigt, das sie gewählt hat, gemäß den Worten: »Wo ich dich finde«, das heißt: in der Stunde des Todes, mit einem in Sünde oder Reue gefestigten Willen, »dort werde ich dich richten«“ (Abhandlung über das Fegefeuer, IV).

Der Blick auf den Tod aus dieser Perspektive macht sofort die Schädlichkeit der Sünde deutlich. In jeder Sünde steckt der Versuch, das eigene Wohl und Glück auf einem Weg zu finden, der dem größten Gebot – der Liebe zu Gott und zum Nächsten (alle anderen Gebote sind darin enthalten) – zuwiderläuft. Die Entdeckung einer glücklichen Welt jenseits Gottes erscheint als faszinierendes, endloses Abenteuer, das niemals aufhört zu begeistern und immer tiefer in Geheimnisse einführt. Die Versuchung entsteht aus der trügerischen Attraktivität der Sünde, die perfekt die uns verständliche Sprache beherrscht und direkt zu Vorstellung und Gefühl spricht. Der Versucher ist ein perfekter Experte in Sachen menschlicher Psychologie, kennt sie unerreichbar besser als die besten Fachleute auf diesem Gebiet auf Erden. Im gehorsamen Folgen der Stimme der Versuchung zeigt sich uns das Böse als begehrenswertes Gut und verspricht sofortige Befriedigung. Indem wir unsere eigene, glückliche Welt aufbauen, wollen wir uns um jeden Preis wohlfühlen. Im Moment des Todes werden die Bande dieser egoistischen Liebe erstarren, unauflösbar werden, und die ganze Tragödie dieser Tatsache wird darin offenbart, dass gerade sie es unmöglich machen wird, sich für die einzige Liebe zu öffnen, die sich als so anders als jene Liebe erweisen wird, so groß und heiß, dass sie unerträglich wird. Es bleibt nur, sie für immer abzulehnen…

Die Weisheit des Menschen zeigt sich in seiner Fähigkeit, das Leben mit Blick auf den Tod und die Ewigkeit zu betrachten. Darin liegt die wahre Methode des Kampfes gegen Sünde und Hölle. In unserer Zeit ist der Tod zu einem ebenso alltäglichen wie banalen „Spektakel“ geworden (zweifellos ein „Verdienst“ der Massenmedien). Nur dem Teufel kann es letztendlich daran liegen, dem Tod seine Majestät und außergewöhnliche Bedeutung zu berauben. Lasst uns über seine verborgene Absicht nachdenken: Die Banalisierung des Todes führt unweigerlich zur Bagatellisierung des Lebens und insbesondere – jeglichen Übels. Der Teufel will vor allem, dass der Mensch seine Sünde liebt, dass er sich an sie gewöhnt, dass er sich mit ihr wohlfühlt, dass er sie ohne einen Schatten von Angst oder Reue auf sich nimmt. Deshalb verfälscht er den Tod. Sein ultimativer Erfolg besteht in der vollständigen Lähmung des Menschen gegenüber der Liebe, der er im entscheidenden und einmaligen Moment an der Schwelle zur Ewigkeit begegnen wird. Von der Gegenwart meines Lebens hängt ab, was mich hinter dieser Schwelle erwartet: Himmel, Fegefeuer – das ein schmerzhafter Weg zum Himmel ist – oder Hölle. Die heilige Katharina wendet sich mit einer bitteren Ermahnung an die Christen: „Ihr sucht Zuflucht in der Hoffnung auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes, die ihr endlos preist, ohne jedoch zu sehen, dass euer Widerstand gegen diese höchste Güte eure Anklage sein wird“ (Abhandlung über das Fegefeuer, XV). Diesen Widerstand Christus in der Beichte zu bekennen, ist der perfekte Weg, bereits heute Seine Barmherzigkeit zu kosten und einen Schritt in Richtung Himmel zu machen. Die eigenen Sünden zu hassen, selbst die kleinste, sollte unsere ständige Herzensübung in Freiheit sein, damit es sich im Moment des Todes ungeteilt dem Geliebten zuwenden kann!

Im Katechismus der Katholischen Kirche lesen wir: „Wir können nicht mit Gott vereint werden, wenn wir uns nicht freiwillig dazu entscheiden, ihn zu lieben. Wir können aber Gott nicht lieben, wenn wir uns gegen ihn, gegen unseren Nächsten oder gegen uns selbst schwer versündigen: »Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder, und ihr wißt: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt« (1 Joh 3,14-15). Unser Herr macht uns darauf aufmerksam, daß wir von ihm getrennt werden, wenn wir es unterlassen, uns der schweren Nöte der Armen und Geringen, die seine Brüder und Schwestern sind, anzunehmen [Vgl. Mt 25,31-46]. In Todsünde sterben, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bedeutet, durch eigenen freien Entschluß für immer von ihm getrennt zu bleiben. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man »Hölle«“. (KKK 1033).