Ein Anhänger des Islam trifft Jesus

Ein Anhänger des Islam trifft Jesus

Als ich 2007 im Heiligtum des Lammes Gottes in Deir El-Kamar im Libanon arbeitete, wurde Ahmed, ein Muslim aus Syrien, zu einem besonderen Zeichen des göttlichen Segens für mich.

Das Evangelium

Ahmed war 35 Jahre alt und Vater von acht Kindern. Er lebte sehr bescheiden, und weil er sich im Bauwesen auskannte und mir empfohlen wurde, bat ich ihn, am Heiligtum zu arbeiten. Er kam mit einem Freund von mir, der sagte: „Pater, ich lasse Ahmed hier, bis er die Arbeit beendet hat. Mach dir keine Sorgen, bereite ihm nur ein Zimmer zum Schlafen vor.“ Ahmed begann sofort mit der Reinigung des Geländes und des Weges. Er war ein fleißiger Arbeiter.

Als wir uns am Ende des Tages zusammensetzten, erzählte Ahmed, was ihm vor drei Jahren passiert war: „Ich arbeitete mit einem Minibagger, um den Hof eines Klosters von Schutt zu befreien. Auf einmal entdeckte ich zwischen den Betonbrocken, Steinen und Abfällen ein Buch. Ich stellte den Motor ab, kletterte aus dem Fahrzeug, nahm das Buch in die Hand, klopfte den Staub ab und schlug es auf. Ich las einen Abschnitt und spürte, wie eine Kraft in meinen Körper floss. Seitdem habe ich mich von der Sünde befreit, in der ich tief verstrickt war.“ Wie ich später erfuhr, war dieses Buch das Neue Testament. Ahmed nannte es in der für Muslime typischen Weise: das Injil (arabisch für Evangelium). Nachdem ich die Geschichte gehört hatte, schlug ich Ahmed vor, einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift zu lesen: „Nimm dieses Buch“, sagte ich und holte ihm die Bibel aus dem Auto, „schließe deine Augen und bete zuerst. Dann öffne es und ich lese die Stelle, die du aufgeschlagen hast.“ Ahmed betete und schlug die Bibel mit den folgenden Worten aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther auf: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat“ (2 Kor 5,17-19). Als ich dies las, begann Ahmed zu weinen. Reumütig gestand er alle Sünden, die er begangen hatte.

„Im Anfang war das Wort“

Am nächsten Tag nahm ich Ahmed zur Arbeit mit, und er schwieg die ganze Zeit, als ob ihn etwas beschäftigte. „Was ist los?“ fragte ich ihn schließlich. Er begann zu erzählen: „Gestern, nach deinem Weggang, kam jemand im Traum zu mir. Diese Gestalt strahlte Licht aus. Ich weiß nicht, wer es war. Ich konnte ihm wegen des Glanzes nicht ins Gesicht sehen, aber ich sah seine Sandalen. Ich fühlte einen immensen Frieden. Seine Stimme war wie ein Donner, wie ein leichter Windhauch. Es war der schönste Traum meines Lebens.“ „Gott” – dachte ich – „das sind biblische Ausdrücke: Licht, Strahlen, Donner, leichte Brise. So haben die Propheten die Gegenwart Gottes erlebt!“. Ich erkannte, dass es Jesus war, der zu meinem Arbeiter sprach, aber ich sagte nichts zu ihm. Ich stellte ihm nur eine Frage: „Hat er etwas zu dir gesagt?” „Ja. Er stellte die Frage: ‚Warum hast du dein Herz geöffnet?’ Und ich antwortete: ‚Weil ich bei diesem Mönch Frieden gefunden habe.‘ ‚Bleib bei ihm und tue alles, was er dir sagt, und streite nicht mit ihm. Erzähle niemandem von den Sünden, die du erwähnt hast.‘“ Ich war sehr bewegt von dem, was Ahmed sagte. Es war für mich ein Zeichen, dass Jesus ihn behutsam führt, wie ein kleines Kind, das gerade lernt, seine ersten Schritte zu machen.

Am Abend trafen wir uns zu einem Bibelkreis. Ahmed stimmte zu, zu kommen. Als er hörte, dass wir über Jesus sprachen, begann er zu fragen, warum wir mehr über ihn als über Allah sprachen. „Ahmed“, sagte ich, „diskutiere nicht. Nimm die Heilige Schrift und Allah wird dir die Antwort geben.“ Der Syrer schlug seine Bibel auf und sein Blick fiel auf eine Stelle aus dem Johannesevangelium: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1). Dieser Vers bedeutet vor allem für Muslime, dass Jesus Gott ist, denn er ist es, der im Koran als das „Wort von Ihm, [d.h. Gott – Anm. d. Red.], dessen Name al-Masīḥ Īsā [dh. der Messias, Jesus – Anm.d.Red.], der Sohn Maryams ist“ (Sure 3,45) bezeichnet wird. Außerdem besagt die muslimische Tradition, dass Gott das Universum durch das Wort erschaffen hat und dass dieses Wort kein Geschöpf ist. Und da Er kein Geschöpf ist, muss Er der Schöpfer sein.

Ahmed erlebte einen großen Schock. In Anlehnung an Sure 10 Vers 94 – „Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist, dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen […]“. – bekannte er, dass der Mittelpunkt seines Lebens von nun an Jesus Christus sein würde.

Die Macht der Eucharistie

Am Abend des dritten Tages willigte Ahmed ein, mit mir den Film Passion von Mel Gibson anzusehen. An einer Stelle bat er darum, die Szene anzuhalten, in der Jesus im Ölgarten eine Viper zertritt. Der Syrer wollte diese Bilder noch zweimal sehen. „Was willst du sehen, Ahmed?“ – fragte ich. „Ich möchte die Sandale sehen.“ Ich zeigte ihm die Szene noch einmal, und er sagte: „Das ist die Sandale, die ich in der Vision gesehen habe“. Natürlich wählte Mel Gibson nicht dieselbe Sandale, die Jesus trug, aber Jesus wählte dieses Bild, um sich Ahmed zu offenbaren. Der Mann war sichtlich gerührt von seiner Entdeckung.

Nach dem Film schlug ich vor, gemeinsam in der Kapelle zu beten. Ich sagte nichts über die Anwesenheit des lebendigen Jesus in der Eucharistie und vertraute darauf, dass der Herr selbst sprechen würde. Ich habe mich nicht geirrt. Wir betraten die Kapelle und setzten uns in die Nähe des Tabernakels. Nach ein paar Augenblicken nahm Ahmed meine rechte Hand und legte sie auf sein Herz. Es schlug schnell und stark. „Was ist los mit dir?“ – fragte ich. „Seit ich diesen Ort betreten habe, zittere ich so stark, als ob jemand seine Hand auf meine Schulter gelegt hätte.“ „Ahmed, bete“, antwortete ich, um ihn zu beruhigen. Nach ein paar Augenblicken fragte er, immer noch zitternd und bebend: „Hat der Pater das gesehen, was ich gesehen habe?“. Ich antwortete, dass ich nichts gesehen habe. Als wir die Kapelle verlassen hatten, sagte der Arbeiter: „Pater, ich habe ein Licht gesehen, das aus diesem Kasten (so nannte er den Tabernakel) kam. Es bewegte sich nach links, dann nach rechts und drang mit der Geschwindigkeit eines Blitzes in mein Herz ein. Ich verstand nicht, warum das Licht nach links und dann nach rechts zeigte, aber ich wusste, dass der Herr ihm wieder ein klares Zeichen gegeben hatte. „Weißt du, wohin ich dich gebracht habe?“ „Nein, aber seit ich diesen Ort betreten habe, weiß ich, dass hier der Anfang von allem ist.“

Dieses Ereignis fiel mit der Veröffentlichung des apostolischen Schreibens Sacramentum caritatis (Sakrament der Liebe) von Benedikt XVI. zusammen, in dem der Heilige Vater schrieb, dass die Eucharistie „Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche“ ist (Sacramentum caritatis, 93). Ein einfacher Moslem aus Syrien, der nicht einmal das Kreuzzeichen kannte, wusste dies sicherlich nicht. „Ja – sagte ich – der Anfang von allem ist hier gegenwärtig“. Daraufhin erklärte ich ihm die Bedeutung des letzten Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern aß und dabei seinen Leib und sein Blut zur Vergebung der Sünden und für das ewige Leben gab. Heute ist Jesus im Geheimnis der Eucharistie genauso gegenwärtig. Ahmed verstand dies.

„Das Band“

Ein Nichtchrist, der zu glauben beginnt, hat oft das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, weiß aber nicht genau, was. Am fünften Tag fragte mich Ahmed, was das „Band“ sei, das ihn mit Christus verbinde. „Ahmed“, antwortete ich, „das musst du selbst herausfinden“. Um es ihm leichter zu machen, erzählte ich ihm die Geschichte einer nichtchristlichen Frau, die ich in den USA kennen gelernt hatte. Als die Frau Jesus kennen lernte, beschloss sie, sich taufen zu lassen. Nach der Taufe ging sie in das Haus ihrer Familie und konnte nicht schlafen, weil sie die Gegenwart des Bösen in ihrem Haus spürte. Also ging sie von Zimmer zu Zimmer, machte das Kreuzzeichen und trieb die bösen Geister aus, indem sie sagte: „Im Namen Jesu Christi, verschwinde von hier!“. Als ich das Kreuzzeichen machte und diese Geschichte erzählte, wurde Ahmed lebendig und sagte, dass dies das Zeichen sei, das er gesehen habe, das aus dem Tabernakel kam. Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um: „Ahmed, du bist seit fünf Tagen in Deir El-Kamar, und Christus tritt mit großer Macht in dein Leben. Für wen hältst du ihn?“ Der Syrer schwieg einen Moment, blickte zum Himmel auf und antwortete: „Ich hielt ihn nur für einen Propheten, aber jetzt halte ich ihn für den Herrn der Welten.“ So nennen Muslime Gott!

Gute Nachrichten

Am siebten Tag beendete Ahmed seine Arbeit am Heiligtum und kehrte nach Hause zurück. Er hatte das Kloster verlassen, und sein Leben war auf den Kopf gestellt worden. Er fastete viel und hatte keine so engen Beziehungen mehr zu Menschen wie früher. Alle Fundamente, auf denen er zuvor sein Leben aufgebaut hatte, gerieten ins Wanken. Er begann auch, die Heilige Schrift zu lesen. Ein Freund von ihm bemerkte dies; er wurde wütend und griff ihn mit einem Messer an, wobei er ihn verletzte. „Noch ein Millimeter und deine Hand wäre gelähmt gewesen. Gott hat dich gerettet“, sagte der Arzt, der seine Wunde behandelte. Ahmed vergab seinem Angreifer.

Als der Syrer nach Hause kam, versammelte er alle seine acht Kinder und sagte: „Ich möchte euch von jemandem erzählen. Habt ihr schon von Jesus gehört? Sein Name im Koran ist Isa, aber er ist der Sohn Gottes, nicht nur ein Prophet. Er kam in die Welt, litt, wurde gekreuzigt und starb, um dann am dritten Tag von den Toten aufzuerstehen und uns seinen Leib und sein Blut zu geben. All das hat er getan, um uns die Sünden zu vergeben und uns das ewige Leben zu schenken.“ An dieser Stelle wurde er von seinem ältesten Sohn, Mohammed, unterbrochen: „Vater, bitte Allah um Vergebung. Der Messias wurde nicht gekreuzigt“. Ahmed unterbrach ihn: „Mohammed, ich spreche die Wahrheit! Morgen bleibt ihr zu Hause. Ich möchte euch einen Film über den Messias zeigen“. Am nächsten Tag, in aller Frühe, ging Ahmed in das nächstgelegene christliche Dorf, betrat einen Filmverleih und fragte nach allen Filmen über Jesus. So erwarb er den Film Jesus von Nazareth, den er dann mit seinen Kindern anschaute. An diesem Tag glaubten seine Kinder an Jesus und das Heil kam in sein Haus.

Taufe

Am nächsten Tag besuchte einer seiner alten Freunde Ahmed und hinterließ ihm unbemerkt Geld. Als er das Geld fand, fiel er auf sein Gesicht und dankte Gott für seine Vorsehung. Dadurch konnte er wieder zur Arbeit in den Libanon reisen.

Nach einiger Zeit erkannte Ahmed, dass das „Band“, das ihn mit Christus verbindet, die Taufe ist. Am 18. April 2007 begann der Syrer das Katechumenat, und am 1. Februar 2008 empfing er die Taufe, die Firmung und die Erstkommunion. Damit wurde er ein Sohn der katholischen Kirche.

Dies war die erste Bekehrung vom Islam, die an dem von der heiligen Jungfrau Maria auserwählten Ort – in Deir El-Kamar – stattfand. Eine Bekehrung, die nicht durch Gehirnwäsche, Einschüchterung oder menschliche Weisheit oder materielle Versuchungen erfolgte, sondern durch die mächtigen Zeichen des Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes. Gott ist erstaunlich in seinem Wirken: Er offenbart uns seinen Willen und sein heiliges Antlitz, nachdem wir unsere Sünden gebeichtet haben, wartet auf uns und segnet uns jedes Mal, wenn wir ihn im Allerheiligsten Sakrament besuchen – so wie es bei Ahmed geschehen ist.

Nach einiger Zeit, als sich die Lage in Syrien verschlechterte, brachte Ahmed seine Familie dauerhaft in den Libanon. Bald darauf wurde er krank und starb. Die Liebe, die in seinen Augen zu sehen war, versicherte mir bis zu seinem Lebensende, dass dieser Mann wirklich den Herrn gesehen und geglaubt hatte.

Pater Antonio Feghali OMM