Glaube, Vernunft und Wahrheit (Teil 3)

Der heilige Johannes Paul II.

Der heilige Johannes Paul II. betonte die Notwendigkeit, unsere Freiheit sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene auf der „Ordnung der Weisheit“, das heißt auf dem Naturrecht, zu gründen.

Logos, nicht Chaos

Der heilige Johannes Paul II. stellte in seiner Enzyklika Fides et ratio (1998) fest, dass ein Phänomen, das die zeitgenössische Kultur kennzeichnet, „zum Beispiel […] das radikale Mißtrauen gegen die Vernunft, das die jüngsten Entwicklungen vieler philosophischer Studien an den Tag legen“, ist. Weiter sagte der Heilige Vater: „Schließlich beobachtet man ein verbreitetes Mißtrauen gegen die umfassenden und absoluten Aussagen, vor allem von Seiten derer, die meinen, die Wahrheit sei das Ergebnis des Konsenses und nicht der Anpassung des Verstandes an die objektive Wirklichkeit“ (FR 55,56).

Mit Bezug auf die Lehren von Papst Benedikt XVI. kann man sagen, dass die tiefste Ursache dieser Krise der zeitgenössischen Kultur in der Ablehnung des Glaubens an Gott liegt, wie ihn die Kirche von Anfang an verkündete. Den Gott, den allmächtigen und barmherzigen Vater, aber auch den Logos. In seiner Rede in Regensburg am 12. September 2006 betonte Benedikt XVI., dass es einen grundlegenden Unterschied gibt zwischen dem christlichen Gottes-Logos-Konzept, das aus der Begegnung des Christentums mit der wahrheitsorientierten griechischen Philosophie hervorgegangen ist, und dem voluntaristischen Gotteskonzept (das z.B. für den Islam charakteristisch ist), das vor allem den Willen eines allmächtigen Gottes hervorhebt. Wie der Papst in der oben erwähnten Rede in Erinnerung rief, ist die christliche Vision der Ansicht, dass „ein Handeln, das im Widerspruch zum Logos steht, dem Wesen Gottes widerspricht“. Solches Handeln hat auch schwerwiegende und sehr negative Konsequenzen für die moralischen Entscheidungen des Menschen. Professor Stanisław Grygiel – Schüler und Freund des heiligen Johannes Paul II., langjähriger Dozent am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie an der Lateranuniversität – wies darauf hin, dass die moderne Kultur den Menschen im Bereich der Moral den Kult „freier Entscheidungen“ aufdrängt, der nicht mit Freiheit verwechselt werden darf. „Dieser Begriff der absoluten Freiheit – sagt Prof. Grygiel – impliziert einen Atheismus, der die Präsenz des Logos sowohl im Universum als auch im Menschen negiert“. Die Natur des Menschen selbst „verlangt nach der Gnade, die Gott ist. Gott abzulehnen bedeutet, seine Natur abzulehnen, die sich nicht den Determinismen von Zeit und Raum unterwirft. Seine Gnade abzulehnen bedeutet, die Freiheit abzulehnen und sie durch eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten zu ersetzen, diese oder jene Dinge zu wählen, ‚ohne Sinn und Ziel‘. Die Gnade abzulehnen bedeutet, die Freiheit durch sogenannte freie Entscheidungen zu ersetzen“ – sagt der polnische Philosoph.

Solche „freien Entscheidungen“ haben jedoch nichts mit wahrer Freiheit zu tun. Sie dienen nicht der Freiheit, sondern Ideologien, die letztlich keine Freiheit, sondern Versklavung bringen. Wie Prof. Grygiel sagt: „Die Herrscher der Neuzeit, für die Chaos, nicht Logos, der Anfang von ’Universum und Geschichte‘ ist […], platzieren auf dem künstlichen Horizont von Hypothesen und Meinungen diverse Zukunftsvisionen, die von Ideologen geschaffen wurden, die den irdischen Herrschern dienen. Die Ideologen, die keine Ahnung von einer Zukunftsvision haben, die über das Universum und die Geschichte hinausgeht, zeichnen ihre Zukunftsvisionen entsprechend von Zeit und Raum, um die Diktatur der Meinungen und Launen zu rechtfertigen, als würden diese im Chaos funktionieren und als wären sie die Wahrheit und das Gute“.Der beste Schutz vor dieser „Diktatur der Meinungen und Launen“ ist – wie Prof. Grygiel betonte – das Leben auf der Grundlage der „Zehn Worte, die im Herzen jedes Menschen eingraviert sind“, die „Gottes Einspruch gegen das Böse“ sind, zu gründen. Der Dekalog – so der polnische Philosoph – „ist die ewige Verfassung für das persönliche Leben des Menschen in der Gesellschaft. Gesetze und Vorschriften, die nicht im Dekalog verankert sind, haben nur die Macht, die ihnen der aktuelle Wille der sogenannten Mehrheit verleiht“.

Freiheit die auf der „Ordnung der Weisheit“ basiert und deren teuflische Alternative

Johannes Paul II. wies auf die Notwendigkeit hin, unsere Freiheit auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene auf die „Ordnung der Weisheit“, d. h. auf dem Naturrecht (aus der Antike herrührende Überzeugung, dass die Normen des menschlichen Zusammenlebens durch die Natur des Menschen begründet werden müssen und können – Anm. d. Übers. ), zu gründen. Während seiner Pilgerreise 1991 lehrte der Papst, dass „das Gesetz der ewigen Weisheit, das in das Herz des Menschen eingeschrieben ist, ihn befähigt, an der Ordnung der gesamten Schöpfung teilzuhaben und vor allem in Freiheit und Gerechtigkeit das gegenseitige Zusammenleben von Personen, Gemeinschaften und Gesellschaften auf Erden würdig zu gestalten“ (Bialystok, 5. Juni 1991).

Die kürzeste Beschreibung dieser „Ordnung der Weisheit“ ist der Dekalog – „zehn einfache Worte“, die dennoch „ein moralisches Fundament darstellen, das von Gott kommt, und in seiner Schöpfung, seiner väterlichen Weisheit und seiner Vorsehung verwurzelt ist. […] Wenn der Mensch dieses Fundament einreißt, schadet er sich selbst: Er zerstört die Ordnung des Lebens und des menschlichen Zusammenlebens in jeder Dimension. Angefangen bei der kleinsten Gemeinschaft, der Familie, über die Nation bis hin zu dieser gesamtmenschlichen Gemeinschaft, die aus Milliarden von Menschen besteht“ (Koszalin, 1. Juni 1991). Eine auf dem Fundament des Naturrechts gegründete Unabhängigkeit von Staat und Nation eröffnet eine reale Perspektive der „integralen Solidarität“, also des Aufbaus einer souveränen politischen Gemeinschaft, die ohne Ausnahme ihr grundlegendes Recht respektiert, nämlich das Recht auf Leben. Johannes Paul II. betonte in seiner Rede im Warschauer Königsschloss am 9. Juni 1991, dass „wahre Solidarität ganzheitlich sein muss. Deshalb dürfen die ungeborenen Kinder nicht von ihr ausgeschlossen werden. Auch sie haben, wie alle anderen Menschen, ein Recht auf Leben“. Wenige Tage zuvor hatte sich der Heilige Vater nachdrücklich gegen die zunehmende Gewalt gegen das Leben der Schwächsten ausgesprochen, weil sie noch nicht geboren sind. In seiner Predigt am 4. Juni 1991 in Radom verglich er den großen „Friedhof der Opfer menschlicher Grausamkeit in unserem Jahrhundert“, der das Werk krimineller Ideologien und totalitärer Regime (Kommunismus und Nationalsozialismus) war, mit einem „anderen großen Friedhof“, „dem Friedhof der Ungeborenen, dem Friedhof der Wehrlosen, deren Gesicht nicht einmal die eigene Mutter gesehen hat, die sich entschlossen hat oder dem Druck nachgegeben hat, ihnen das Leben zu nehmen, bevor sie geboren wurden“.

Auf beiden Friedhöfen, so betonte Johannes Paul II., liegen die Opfer von Verbrechen, deren Wurzel „in der Usurpation der göttlichen Autorität über das Leben und den Tod durch den Menschen“ liegt; eine Usurpation, in der „ein fernes und doch beständiges Echo jener Worte widerhallt, die der Mensch von Anfang an in Missachtung des Schöpfers und des Vaters angenommen hat“. Diese Worte lauteten: „Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen. 2,5). Angesichts der Tatsache, dass die zitierten Worte von Satan gesprochen wurden, der die ersten Eltern verführte, ist es klar, dass nach der Lehre des heiligen Johannes Paul II. die sogenannte Abtreibung ein Verbrechen von wahrhaft satanischer Inspiration ist.